Christel Bühren und Lars Heier, Lemken

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Ganz unscheinbar heißt eine Bushaltestelle in Alpen Pflugfabrik Lemken. Was vor mehr als zwei Jahrhunderten als Schmiede begann, ist inzwischen ein internationales Unternehmen, das sich selbst den Claim The Agrovision Company gegeben hat und weit mehr Produkte als den Pflug anbietet. Julia Eder, Redakteurin bei der Landtechnikzeitschrift traction, hat mit Christel Bühren, Personalleiterin, und Lars Heier, Leiter des Marketings und Produktmanagements, über die Atmosphäre in der Lemken-Familie, Frauen in der Landtechnik und neue Auslandserfahrung gesprochen.

Traction: Seit Februar ist das neue Entwicklungswerk in Alpen geöffnet; demnächst soll das Schulungszentrum AgroFarm fertig werden. Sind das nur Umzüge für die Abteilungen oder schafft Lemken gerade neue Arbeitsplätze?

Bühren: Es ist ein bisschen von beidem. Ein neues Entwicklungswerk war lange überfällig. Die Abteilung muss wachsen können und dafür haben wir die Voraussetzung geschaffen.

Heier: Mit unseren jetzigen Mitarbeitern sind wir gut aufgestellt, aber mit der neuen Bürofläche können wir jederzeit agieren. Der Umzug der Entwicklungsabteilung hat aber auch dazu geführt, dass wir im alten Gebäude die Arbeitsplätze modernisieren und mehr Platz schaffen. Ein qualitativ hochwertiger Arbeitsplatz ist ja durchaus ein Entscheidungskriterium für potenzielle Mitarbeiter.

Traction: Mit welchen weiteren Kriterien möchte sich Lemken als Arbeitgeber von Wettbewerbern unterscheiden?

Heier: Hier in der Region stehen wir, wenn es um Fachkräfte geht, eher im Wettbewerb mit anderen Industrien im Ruhrgebiet, die vielleicht einen Standortvorteil haben. Aber diesen Vorteil sehe ich ganz entspannt, weil Alpen einen ländlichen Charme hat und man trotzdem in 20 Minuten mitten im Ballungsgebiet ist.

Traction: Und umgekehrt: Welche Kriterien müssen Mitarbeiter erfüllen, um bei Lemken zu arbeiten?

Bühren: Vor allem muss die Person zu uns passen. Ich bin seit 1977 im Unternehmen und kann bezeugen, dass die meisten kommen und bleiben. Es passiert selten, dass sich jemand hier unwohl fühlt. Wer sich wohlfühlt, der bleibt.

Traction: Woher kommt dieses Wohlfühlen?

Bühren: Wir leben und arbeiten als Familie. Der Grundsatz ist: Jeder, der hier arbeitet, ist wichtig und wird wertgeschätzt. Das stellt man an vielen Kleinigkeiten fest, zum Beispiel wenn jemand Geburtstag oder Jubiläum hat und immer viele Kollegen mitfeiern.

Heier: Und bei uns klappt die interne Kommunikation sehr gut. Man spricht miteinander, grüßt sich, ist freundlich. Alles andere ergibt auch überhaupt keinen Sinn. Heute brauche ich etwas von meinem Kollegen und morgen er von mir.

Traction: Gibt es Maßnahmen, mit denen Lemken dieses Miteinander fördert?

Bühren: Wir verdeutlichen unseren Auszubildenden, warum dieser Umgang miteinander so wichtig ist. Alle, die neu ins Unternehmen kommen, müssen das verinnerlichen und aufrechterhalten. Sonst funktioniert es irgendwann nicht mehr. Um in der gemeinsamen Kommunikation deutlich besser zu werden, haben wir im vergangenen Jahr in einer Mitarbeiterbefragung die Erwartungen der Belegschaft herausgefunden. Auf Basis der Ergebnisse haben wir unsere Führungsleitlinien erstellt. Jetzt vertiefen wir dies durch Trainings für alle Führungskräfte über alle Abteilungen hinweg.

Traction: Mit Nicola Lemken ist auch eine Frau in der Geschäftsführung, was bei Landtechnikunternehmen selten ist. Fördern Sie gezielt den Einstieg von Frauen ins Unternehmen?

Bühren: Man kann sich nur wünschen, dass mehr Frauen in die Landtechnikbranche finden. Als Frau kann ich sagen: Es macht Spaß, hier zu arbeiten. Wir versuchen, weibliche Mitarbeiter für gewerblich-technische Ausbildungsberufe zu gewinnen. Und alles andere muss sich entwickeln. Und das tut es!
Wir haben jetzt 10 bis 15 Prozent Frauenanteil unter unseren Auszubildenden. Da ist natürlich noch Luft nach oben.

Traction: Frauen als Auszubildende zu gewinnen ist der Anfang. Wie schätzen Sie danach die Durchlässigkeit für eine Karriere in der Landtechnikbranche ein?

Bühren: Wenn jemand, egal ob Mann oder Frau, die entsprechenden Fähigkeiten mitbringt, sind der Karriere keine Grenzen gesetzt. Aber als Frau muss man sich oft seinen Stand erarbeiten, während Männer schneller akzeptiert werden. In anderen Märkten ist das schon anders, wenn ich mir beispielsweise den Handel ansehe. Wir haben kaum Verkäuferinnen für Landtechnik in Deutschland. In Russland oder China ist das ganz anders.

Traction: In diesen Ländern ist Lemken schon seit einiger Zeit aktiv. In China entstand 2014 ein kleines Werk mit 39 Mitarbeitern. Welche Bedeutung hat der chinesische Markt für Lemken?

Heier: China ist die größte Volkswirtschaft der Erde. Also möchten wir dort auch mit der Landtechnik partizipieren. Die Endmontage vor Ort hat vor allem logistische Vorteile. Es ist aber mehr Aufwand nötig, als nur Maschinen vor Ort zu verteilen. Man muss den technischen Standard vermitteln und Schulungen durchführen. Das gilt auch für Märkte wie Afrika, die wir fokussieren.

Traction: Nach Europa folgten Russland, China, nun Afrika als Verkaufsmärkte. War es das?

Heier: Nordamerika spielt noch eine ganz wichtige Rolle für uns. In der Vergangenheit war in den USA und Kanada der No-Till-Grundsatz verbreitet. Nun öffnet sich Amerika gegenüber anderen Verfahren. Mit einer 16 m breiten Kurzscheibenegge können wir auch in den dortigen Verhältnissen punkten. Das richtige Gerät zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Land und schon kann man am Markt teilnehmen. Wir waren in neuen Märkten aber immer vorsichtig, übten eine gesunde Zurückhaltung und sind in kleinen Schritten gewachsen. Deshalb sind wir jetzt international breit aufgestellt und können Schwächen in einzelnen Märkten, wie aktuell in Russland, mit anderen Märkten kompensieren.

Traction: Wie wichtig ist es, auch Mitarbeiter mit Auslandserfahrung zu finden?

Bühren: In meiner Zeit im Unternehmen hat sich der Alltag ganz stark für alle verändert. Früher war ein Gast aus England etwas ganz Besonderes. Heute haben wir jeden Tag Gäste aus aller Welt im Haus. Das spiegelt sich in der Gesellschaft wider: Junge Leute wachsen ganz anders auf, leben mit mehr Sprachen und Austausch. Und diese Leute brauchen wir im Unternehmen.

Traction: Bilden Sie in diesem Bereich auch weiter?

Bühren: Wir bieten seit Jahren standardmäßig Englischkurse an. Auch andere Sprachen und Fähigkeiten fördern wir ganz individuell. Wir haben keine Kataloge, aber entscheiden von Person zu Person: Ob berufsbegleitendes Studium, Techniker- oder Meisterausbildung wir unterstützen das nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch mit Teilzeitarbeit, Gleitzeit und so weiter. Das muss man natürlich mit den Kollegen in der Abteilung regeln. Bei uns kann man eben nur bestehen, wenn man zusammenarbeitet.

Das Interview erschien in der traction-Ausgabe Mai/Juni 2016.

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