Prof. Dr. Bernd Lehmann, Hochschule Osnabrück

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Die Hochschule oder Universität sehen viele Studierende in erster Linie als Ausbildungsort und weniger als Arbeitsplatz. Dass sich dort aber auch berufliche Perspektiven eröffnen, weiß Prof. Dr. Bernd Lehmann. Er ist Vizepräsident für Forschung, Transfer und Nachwuchsförderung und Dekan der Fakultät für Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur. Julia Eder, Redakteurin bei der Landtechnikzeitschrift traction, hat mit ihm über junge Lehrkräfte und erfolgreiche Forschungsprojekte in der Landtechnik gesprochen.

traction: Wer sich für Landtechnik interessiert, möchte meist in der Praxis arbeiten. Was ist das Reizvolle an der Lehrtätigkeit an einer Hochschule?

Lehmann: Da gibt es viele Aspekte. Zum einen kann man als Lehrkraft für Landtechnik eng mit der Praxis zusammenarbeiten, mit den Herstellern, den Landwirten und landtechnischen Dienstleistern. Auch die Studierenden kommen oft aus der Praxis und bringen ihre Erfahrungen in die Lehrveranstaltungen und Projekte mit ein. Das belebt den Alltag, fordert die Lehrkraft aber auch. Und auch aus der Sicht der Maschinenbauer und Entwickler ist die Lehre interessant. Denn die Bereiche Maschinenbau und Agrarwissenschaft arbeiten bei uns an der Hochschule  zusammen. So entstehen immer spannende Projekte.

traction: Sie sprechen die Zusammenarbeit mit den Herstellern an. Gleichzeitig ist die Industrie aber auch ein Konkurrent, wenn es um qualifizierte Nachwuchskräfte geht. Wie grenzen Sie sich als Arbeitgeber davon ab?

Lehmann: Jemand, der landtechnisch sehr qualifiziert ist, findet in der Industrie sicher leicht einen guten Einstieg. Der Arbeitsplatz an der Hochschule hat aber den Vorteil, dass man immer in Kontakt mit jungen Menschen bleibt, mit einer Vielfalt von Landtechnikthemen in Berührung kommt und häufig interdisziplinär und kreativ arbeiten kann.

traction: Welche Qualifikation müssten Bewerber um Dozentenstellen mitbringen?

Lehmann: An den Hochschulen gibt es zwei Arten von Dozenten: Lehrkräfte, wie Sandra Müller, und Professoren. Wichtig bei beiden ist, dass man Spaß an der Lehre und Erfahrung damit hat, also schon mal Vorträge gehalten oder im Rahmen seines Studiums Veranstaltungen geleitet hat. Sandra Müller hat zum Beispiel als Master-Studentin in Hohenheim an einer Lehrveranstaltung mitgewirkt. Außerdem braucht man ein breites Basiswissen und Interesse an landtechnischen Themen. An einer Hochschule muss man nämlich ein deutlich größeres Lehrgebiet abdecken als an einer Universität. Und dann ist ein offenes, freundliches Wesen wichtig. Das bringt auch Sandra Müller mit; es öffnet den Zugang zu den Studierenden.

traction: Der Dozent muss sich also mit sehr vielen und vielfältigen Themen auskennen, gleichzeitig aber auch kompetent und fundiert auf die Fachfragen der Studierenden eingehen können. Wie ist das zu schaffen?

Lehmann: Das ist eine Herausforderung für Dozenten. Eine Vorlesung oder ein Seminar ist keine individuelle Beratungsveranstaltung für die eigenen betriebsspezifischen Probleme. Das kann man als Dozent nicht leisten. Im Vordergrund steht die akademische Ausbildung. Die Studierenden sollen in der Lage sein, sich selbst mit den Problemen und Fragestellungen der Landtechnik zu beschäftigen. Als Dozent braucht man so gute Kenntnisse von der Landtechnik, dass man den Studierenden bei deren Problemlösung Hilfestellung geben kann.

traction: Breites Fachwissen, aber vor allem die Kompetenz zu lehren sind also nötig. Gibt es an der Hochschule Möglichkeiten, sich in beidem fortzubilden?

Lehmann: Ja, die Hochschule Osnabrück begleitet alle neu berufenden Dozenten in einem zweijährigen Kursprogramm. Dort gibt es Weiterbildungen zu Didaktik und Lehrmethoden, zur Vorbereitung von Lehrveranstaltungen, zur Prüfungsgestaltung und so weiter. Und für das Fachwissen ist eigentlich jede Vorlesung und jedes Forschungsprojekt eine Weiterbildung. Außerdem beteiligen wir uns an überregionalen Arbeitskreisen wie dem VDI oder dem KTBL, wo man sich regelmäßig austauschen kann.

traction: Gibt es eine thematische Abgrenzung zwischen der Lehre und Forschung an verschiedenen Landtechnikfakultäten?

Lehmann: Die Hochschule Osnabrück liegt natürlich in einem landtechnischen Kerngebiet mit vielen Betrieben und Herstellern. Eine weitere Stärke unseres Standorts ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Studiengängen, zum Beispiel mit Bioverfahrenstechnik in der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, Landmaschinenbau, Agri- und Hortibusiness. Und dann haben wir seit vielen Jahren einen Forschungsschwerpunkt im Bereich Agrarrobotik, Agrarsensorik und so genannten zukunftsfähigen Agrarsystemtechnologien, wozu auch die interdisziplinäre Forschungsplattform COALA gehört.

traction: Welchen Anteil haben Lehre auf der einen und Forschung auf der anderen Seite im Alltag eines Dozenten?

Lehmann: Die Grenzen sind fließend und individuell. Sandra Müller ist ein Beispiel dafür: Sie schreibt ja nebenbei eine Doktorarbeit. Als sie angefangen hat, musste sie viele Lehrveranstaltungen übernehmen und hatte wenig Zeit für die Forschung. Jetzt in der Endphase ihrer Dissertation und nach der Besetzung einer weiteren Landtechnikprofessur hier in Osnabrück hat sie mehr Zeit für die Forschung. Aber prinzipiell ist eine Lehrkraft in erster Linie für die Lehre zuständig. Das ist auch ein Unterschied zwischen Hochschule und Universität.

traction: Suchen Sie denn im Moment noch Verstärkung bei den Dozenten?

Lehmann: Im Moment sind wir zufrieden, dass wir alle Stellen besetzen konnten. Dafür mussten wir aber lange suchen und auch an anderen Standorten werden immer wieder Landtechniker gesucht.

Das Interview erschien in der traction-Ausgabe Januar/Februar 2016. 

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