Abenteuer Ausland

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Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen, wusste schon Johann Wolfgang von Goethe zu berichten. Und diese Form der Bildung gewinnt in unserer Zeit stetig an Bedeutung. Gerade auch für uns Landwirte. Die Öffnung der Grenzen in Europa sowie der weltweite Trend zur Globalisierung bieten für alle Berufsbereiche, so auch für die Landwirtschaft, neue Chancen und Herausforderungen. Neben einer fundierten und weitreichenden Berufsausbildung gewinnt die interkulturelle Kompetenz dadurch immer mehr an Bedeutung. Der Blick über das eigene Scheunentor hinaus vermittelt neue Einsichten, neue Produktionserfahrungen und nicht zuletzt wertvolle Informationen über Denken und Handeln der Wettbewerber. Und wer weiß, wie die Berufskollegen in anderen Ländern wirtschaften, hat auch bessere Chancen, im zunehmenden Wettbewerb zu bestehen. Diese internationalen Fachkenntnisse und Einblicke in die Entwicklungen auf den Weltagrarmärkten sind wichtige Schlüsselqualifikationen für alle Beschäftigten in der grünen Branche. Ebenso wichtig ist aber auch die Weiterentwicklung der Persönlichkeit über die intensive Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Sprachen. Wer die Erfahrung macht, sich alleine im Berufsalltag eines fremden Landes zurechtzufinden, geht daraus gestärkt hervor. Sprachkenntnisse sowie Team-, Konflikt- und Problemlösefähigkeit sind wichtige Schlüsselkompetenzen und steigern auch die Berufsaussichten von Bewerbern, die internationale Praktika vorweisen können.

Bildung ohne Grenzen

Um ein Praktikum im Ausland zu absolvieren, stehen eine Menge Optionen zur Verfügung. Zum Beispiel bereits während der Ausbildung: Das Berufsbildungsgesetz sieht die Möglichkeit vor, im Rahmen der Ausbildung ein Auslandspraktikum zu absolvieren und später, sofern alle Nachweise erbracht wurden, auf die Ausbildung anzurechnen. Die Auslandszeit beträgt maximal neun Monate und kann in begründeten Einzelfällen bis zu einem Jahr verlängert werden.

Erforderlich ist ein rechtzeitiger Antrag bei der Landwirtschaftskammer. Und von dem Praktikanten ist besondere Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft gefragt: Da der Berufsschulunterricht zu Hause ja weitergeht, muss der verpasste Lernstoff selbstständig nachgeholt werden. Man muss das natürlich vorher mit seiner Berufsschule absprechen. Aber das ist eigentlich kein Problem, weiß Jan Plescher zu berichten, der während seiner Ausbildung zum Landwirt ein dreimonatiges Praktikum auf einem irischen Milchviehbetrieb absolvierte. Meine Lehrer haben mir das gesammelte Material zum Nacharbeiten gegeben. Und wenn man sich da ein bisschen reinkniet, dann schafft man das auch.

Weiterhin ist mit dem Ausbildungsbetrieb abzuklären, ob und wann ein Auslandsaufenthalt für beide Seiten am besten zu realisieren ist. Das ist nicht immer ganz einfach, da der Betrieb den Auszubildenden für die Zeit freistellen und somit eine Zeitlang ohne die zusätzliche Arbeitskraft zurechtkommen muss. Ich hatte das große Glück, einen so tollen Chef zu haben, der mir den Auslandsaufenthalt gerne ermöglichen wollte, berichtet Jan Plescher. Das hat mich unheimlich motiviert.

Andere mussten bei ihrem Chef erst mal etwas mehr Überzeugungsarbeit leisten. So wie Marcel Leutloff. Der Landwirtschaftsmeister stand bereits einige Jahre im Berufsleben, als es ihn für ein sechsmonatiges Praktikum nach Australien verschlug: Ich hatte früher schon vorgehabt, Auslandserfahrung zu sammeln. Aber es hat immer aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt. Irgendwann dachte ich mir dann, jetzt oder nie. Mit seinem Arbeitgeber einigte er sich nach einigen hitzigen Diskussionen schließlich darauf, den bestehenden Arbeitsvertrag vorübergehend auszusetzen und nach der Zeit im Ausland erneut aufzunehmen.

Ich bin froh, dass ich diese Chance genutzt habe. Die Erfahrungen, die ich da gesammelt habe, sind unbezahlbar, erzählt der 30-Jährige. Nicht nur für mich persönlich, sondern auch beruflich. Was zum Beispiel das Wassermanagement angeht, da können wir in Deutschland wirklich eine ganze Menge von den Australiern lernen. Und bei den gewaltigen Wegstrecken dort bis zur nächsten Werkstatt oder zum nächsten Geschäft dauert es schnell mal ein paar Stunden  da lernt man zu planen und zu improvisieren. Und auch von den enormen Flächenleistungen in Down Under, war Marcel Leutloff begeistert: Ich meine, die Genossenschaft, für die ich hier in Deutschland arbeite, ist ja schon groß. Aber mein australischer Praktikumsbetrieb hatte allein 10.000 ha Ackerfläche. Die Mähdrescher da schaffen 16, 17 Hektar in der Stunde.

Der weitaus größte Teil der Praktikanten nutzt jedoch die Zeit vor oder während des Studiums für einen Auslandsaufenthalt. So wie Jessica van Sloun, die zwischen ihrem Bachelorabschluss und dem Beginn des Masterstudiums für sechs Monate auf einem Milchviehbetrieb in Neuseeland arbeitete: Ich möchte nach meinem Studium als Herdenmanagerin arbeiten. Da bietet sich Neuseeland natürlich an. Die Milchviehhaltung funktioniert da ganz anders als bei uns in Deutschland und ist wesentlich kostengünstiger. Fachlich hat mich das Praktikum richtig viel weitergebracht.

Dass viele Studierende keinen Auslandsaufenthalt in Erwägung ziehen, weil es den Studienabschluss hinauszögere, kann sie nicht verstehen: Natürlich konnte ich durch den Auslandsaufenthalt erst ein Semester später mit dem Masterstudium beginnen. Aber was bedeutet denn letzten Endes schon ein halbes Jahr? Ich habe so viel gelernt in der Zeit und unvergessliche Erfahrungen gesammelt.

Außerdem kann einem eine solche Auszeit auch die nötige Kraft geben, danach so richtig durchzustarten. Viele meiner Kommilitonen haben nicht so viel Praxiserfahrung gesammelt wie ich und sind trotzdem nicht schneller mit dem Studium fertig, weiß die Studentin zu berichten.

Grenzenlos Grün

Wer sich den Auslandsaufenthalt als Teil des Pflichtpraktikums für das Studium anerkennen lassen möchte, sollte beim zuständigen Praktikantenamt frühzeitig nachfragen, welche Kriterien hierfür erfüllt werden müssen. Der wichtigste Ansprechpartner für alle an einem Auslandspraktikum Interessierten ist jedoch die Schorlemer Stiftung des Deutschen Bauernverbandes. Jedes Jahr vermittelt die Stiftung über 100 Auszubildende, Studenten und Berufstätige aus der Grünen Branche für drei bis zwölf Monate ins Ausland. Ganz vorne auf der Wunschliste der Bewerber stehen die Fernziele Neuseeland, USA, Kanada und Australien. Aber auch die vom Bundeslandwirtschaftsministerium speziell geförderten Sonderprogramme für Russland und Japan werden stark nachgefragt. In Europa ist Irland einer der Favoriten.

Die Vermittlung erfolgt nach fachlicher Qualifikation und individueller Neigung. Die Bandbreite der Gastbetriebe erstreckt sich dabei von Gemischtbetrieben mit Milchvieh- oder Schafhaltung, Rindermast oder Schweineproduktion, über reinen Ackerbau bis hin zu Lohnunternehmen, in denen vor allem technisches Know-how gefragt ist. Für die USA werden zudem Sonderprogramme zur Bodenbeprobung sowie rund um das Genossenschaftswesen angeboten. Weitere Programme gibt es für Gärtner, Winzer, Forstwirte sowie Hauswirtschaftler.

Wer an einem der Praktikantenprogramme des DBV teilnehmen möchte, muss mindestens eine der drei folgenden fachlichen Qualifikationen erfüllen: eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem grünen Beruf, ein abgeschlossenes Grundstudium eines agrarwissenschaftlichen Studienganges inklusive einer mindestens sechsmonatigen Praxiserfahrung oder ein einjähriges Praktikum mit abgeschlossener Praktikantenprüfung. Darüber hinaus müssen die Teilnehmer zwischen 18 und 30 Jahren alt sein und bei Aufenthalt in englisch- oder französischsprachigen Ländern über Grundkenntnisse der jeweiligen Landessprache verfügen. Japanisch kann vor Praktikumsbeginn in einem Intensivkurs gelernt werden.

Und wie läuft das Ganze organisatorisch ab? Spätestens vier Monate vor Beginn des geplanten Auslandsaufenthaltes sollte die Bewerbung beim DBV vorliegen. Die Schorlemer Stiftung sucht einen geeigneten Gastbetrieb, hilft bei der Erledigung aller nötigen arbeits- und ausländerrechtlichen Formalitäten und kümmert sich auch um einen umfassenden Kranken- und Unfallversicherungsschutz. Vor Ort stehen den Teilnehmern lokale Partnerorganisationen des Deutschen Bauernverbandes als Ansprechpartner zur Seite.

Und was kostet der Spaß? Auf die Auslandspraktikanten kommen jeweils Gebühren von rund 350  für ein Praktikum in Europa beziehungsweise rund 800 für ein Praktikum in Übersee zu. Außerdem berechnet der DBV eine Vermittlungsgebühr von 200 (Programme in Europa) bzw. 300 (Programme in Übersee). Aber: Bei erfolgreichem Abschluss des Praktikums und nach Einreichung eines abschließenden Praktikumsberichts kann den Teilnehmern in der Regel ein Pauschalzuschuss aus Mitteln des Bundeslandwirtschaftsministeriums gewährt werden, der einen Großteil der Programmgebühren abdeckt.

Zudem erhalten die Teilnehmer neben freier Unterbringung und Verpflegung vonseiten der aufnehmenden Gastbetriebe natürlich auch eine Praktikumsvergütung. Ihre Höhe richtet sich nach den gesetzlichen Vorgaben des Gastlandes, der Art der Unterbringung und  Verpflegung sowie den Einsatzbereichen der Praktikanten und reicht meist aus, nicht nur die Lebenshaltungskosten vor Ort abzudecken, sondern auch noch das Land zu bereisen.Weitere Informationen zum Praktikantenaustausch des Deutschen Bauerverbandes findet ihr hier.

Genügend Zeit zum Reisen im Gastland sollte man also unbedingt mit einplanen. Die Landschaft von Neuseeland mit seinen riesigen Waldgebieten, den Stränden, Bergen und Vulkanen ist einfach atemberaubend schön, schwärmt Agrarstudentin Jessica van Sloun. Ebenso wie die anderen Auslandspraktikanten kann sie jedem nur empfehlen, die Zelte in der Heimat mal für eine Weile hinter sich zu lassen. Ich habe wirklich nur positive Erfahrungen gemacht und jede Menge netter Leute kennengelernt, zu denen ich auch nach wie vor noch Kontakt habe. Jeder der die Möglichkeit hat, so etwas mal zu erleben, sollte sich die Chance nicht entgehen lassen!

Julia Reinhardt, Redaktion agrarmanager

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