Studium Biochemie – eine Biochemie Studentin im Gespräch

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Zusammenfassung


Loan, beschreib doch bitte kurz deinen schulischen bzw. beruflichen Werdegang bis heute.

Mein Abitur habe ich am Niedersächsischen Internatsgymnasium Esens absolviert, gewohnt habe ich dort im Internat, da ich von der Nordseeinsel Borkum komme und es dort keine Möglichkeit gab die allgemeine Hochschulreife zu erlangen.


Nach meinem Abitur habe ich mich für den Bachelorstudiengang Biochemie an der Georg-August-Universität in Göttingen beworben. Da es recht lang keine Antwort gab, habe ich mich sicherheitshalber in den NC-freien Studiengang Chemie eingeschrieben und ein Semester Chemie studiert. Nach einigen Wochen kam dann doch noch die Zusage für Biochemie, „wohin“ ich dann nach dem ersten Semester auch gewechselt bin.


Nach meinem Bachelorabschluss habe ich dann noch ein gutes halbes Jahr als wissenschaftliche Hilfskraft an Forschungsprojekten mitgewirkt, bevor ich dann vollmotiviert den Master angefangen habe.

Meinen Master in Biochemie habe ich an der Ruprecht-Karls Universität Heidelberg angefangen. Corona-bedingt hat es mich zeittechnisch ein wenig zurückgeschlagen und fange gerade meine Masterarbeit am Institut für Biomolekulare und Organische Chemie in Göttingen an.


Warum hast du dich für das Studium Biochemie entschieden?

Ehrlich gesagt war ich bis nach dem Abitur immer noch etwas planlos. Ich war aber schon während der Schulzeit sehr mathematisch-naturwissenschaftlich interessiert. Chemie fand ich immer ganz cool, es war interessant Grundlagen bzw. die Denkweise zu erlernen, warum zum Beispiel etwas so aussieht wie es aussieht, warum etwas schmilzt, explodiert oder was auch immer.
Biologie hingegen habe ich tatsächlich bis zur 9ten Klasse gehasst. Die Themen waren für mich super langweilig und es war für mich nichts anderes als pure auswendiglernerei (der Aufbau eines Blattes, einer Biene, …).


Wenn für mich etwas nicht interessant ist und es auch nicht sinnvoll erscheint das Auswendiggelernte abrufen zu können, dann war es für mich pure Zeitverschwendung, denn dafür gibt es Nachschlagewerke. Dann kamen Themen wie Genetik, Proteinbiosynthese und Stoffwechsel, die ich extrem spannend fand, da mir dort der erste Einblick gewährt wurde, was geschieht, wenn man etwas isst und wie verstoffwechselt wird, welche Reaktionen im Körper ablaufen, was genau passiert, wenn du beispielsweise deinen Arm bewegen möchtest oder etwas riechst.


Diese biochemischen Prozesse im Körper – quasi die Schnittstelle der Biologie und der Chemie – haben mich außerordentlich fasziniert.


Reine Biologie zu studieren kam für mich niemals in Frage, weil da viel zu viele Themen auf mich warten würden, die ich extrem langweilig finde. Medizin war für mich auch keine Option, da mein NC nicht gut genug dafür ist und ich nicht warten wollte. Also hatte ich erst an Chemie gedacht (wo ich mich dann später auf Biochemie spezialisieren würde), aber dann hat mir meine ältere Schwester erzählt, dass es in Göttingen seit paar Jahren den neuen Biochemie-Studiengang gibt. Also habe ich mich darauf beworben.

Tatsächlich war ich mir aber gar nicht sicher, ob ich für die Arbeit im Labor geeignet bin bzw. auch Spaß daran haben werde. Die ganzen Experimente damals in der Schule in den Fächern Biologie und Chemie fand ich hinsichtlich der Theorie zwar super spannend, praktisch hatte ich aber gar nicht so die Lust die ganzen Schulexperimente durchzuführen. Vermutlich da es ein vorgeschriebenes Protokoll mit vorhersehbarem Ergebnis war. Da fand ich es interessanter zu erklären, warum man genau dieses Ergebnis erwartet oder warum etwas nicht funktioniert haben könnte und was man ändern könnte, damit es funktioniert. Ich mochte bzw. mag es allgemein lieber nachzudenken, um ein Problem systematisch zu lösen als den Lösungsweg direkt in die Hand gedrückt zu bekommen.

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Auch der Aufbau verschiedener Pflanzen werden unter dem Mikroskop genau begutachtet. © Looker_Studio/ Adobestock

Welche Vorkenntnisse beispielweise aus der Schule haben dir bei dem Studium geholfen? Welche Interessen sollte man haben?

Vorkenntnisse wie grundlegendes Rechnen, Grundkenntnisse der Chemie (Stöchiometrie/ Reaktionsgleichungen aufstellen, grobe Vorstellung von Atomen, Molekülen, Ionen über sehr vereinfachte Modelle …) oder Grundkenntnisse der Biochemie (Bausteine der DNA, RNA, Proteine, …) sind hilfreich.

Weitere Vorkenntnisse wie z.B. einige Reaktionsmechanismen in der Organischen Chemie, vereinfachte Darstellungen der DNA-Replikation oder Proteinbiosynthese schaden ebenfalls nicht, letztendlich werden aber alle Grundlagen bzw. alles Notwendige in Mathe, Chemie, Biologie und Physik im Studium sowieso gelehrt bzw. korrigiert. Man fängt also quasi bei Null an.


Ich finde es schwierig zu sagen, welche genauen Interessen man haben sollte, da sich jeder später sowieso auf etwas spezialisiert. Wichtig ist die Einstellung.


Physik hatte ich beispielsweise in der Oberstufe abgewählt. Obwohl ich zwar sehr gut mit Physik klarkam, aber den Sinn dahinter nicht wirklich vermittelt bekommen habe, hatte ich dort weniger Interesse. Durch Physik habe ich mich im Studium erst gequält, aber dann lieben gelernt und fand es auch plötzlich ziemlich interessant.
Deshalb ist es viel wichtiger neugierig zu sein, das Interesse haben etwas zu verstehen, was man mit dem jetzigen Wissensstand noch nicht weiß – das gilt denke ich in jedem Studiengang.

Was magst du besonders an deinem Studiengang?

Loan studiert Biochemie und macht im Zuge dessen Experimente im Labor.
Beim Abbilden der fluoreszierenden Proben unter dem Fluoreszenzmikroskop muss es lichtgeschützt sein. ©Loan Vuong

Hui, das ist für den Bachelor schwierig zu formulieren, da mir mehr Sachen nicht gefallen haben, obwohl ich es nicht bereue Biochemie zu studieren.

Im Bachelorstudium wurden uns viele Grundlagen gelehrt, das heißt weniger Flexibilität im Vergleich zu anderen Studiengängen. Das mochte ich nicht so gerne. Was mir aber sehr gefallen hat war das Lernen (halbwegs) selbstständig an einem Projekt zu arbeiten, das kam aber leider erst am Ende des Bachelorstudiums im Rahmen der Bachelorarbeit und dem vorangegangenem Vertiefungspraktikum.

Die ganzen „Saalpraktika“ wo man mit 25 Mann im Labor stand und alle das gleiche Experiment nach Schema F zum Durchführen vorgegeben bekommen haben, fand ich sehr mühsam und ziemlich monoton. Aber ich verstehe es vollkommen, dass man erst mit Saalpraktika anfangen muss, um die Grundlagen zu lernen. Ansonsten haben mir die mathematischen und chemischen Module sehr viel Spaß gemacht, da das für mich meist logisch war.

Im Master hat mir die Freiheit sehr, sehr gut gefallen. Das war auch der Grund, weshalb ich mich für das Masterprogramm in Heidelberg entschieden habe. Man hat ein Pflichtmodul und drei Wahlmodule, die man sich aussuchen kann. Im Rest des Studiums absolviert man Forschungspraktika in verschiedenen Laboren, die man sich ebenfalls ortsunabhängig selbst aussuchen kann.


Wie siehst du persönlich deine beruflichen Möglichkeiten nach deinem Studium?

Man hat viele Möglichkeiten, beispielsweise an verschiedene Forschungseinrichtungen (Medizin, Grundlagenforschung vieler Richtungen, Nahrungsmittel, Kosmetik, Umwelt, …), Forschung an Universitäten/Hochschulen, Kliniken/ medizinische Labore, Unternehmen der chemischen, pharmazeutischen und biotechnologischen Industrie, …

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Die Grundlagen gibt es im Hörsaal in den Vorlesungen. ©Gorodenkoff/ Adobestock

Hast du irgendwelche Ratschläge oder Tipps für andere, die überlegen Biochemie zu studieren?

Wenn man Interesse an der Biochemie hat, einfach probieren, man kann sonst nicht wissen, ob es passt. Man muss ein gewisses Durchhaltevermögen haben, da es mit Sicherheit Module gibt, die man nicht mögen wird. Man denkt zwar man ist endlich aus der Schule raus und lernt nur noch Sachen, die man interessant findet, aber es wird mit Sicherheit Module geben, die man hasst, so war es bei mir auch.

Es gibt sehr viele stressige Phasen, das sollte einem bewusst sein. Ums Auswendiglernen kommt man leider nicht herum.

Eins kann ich aber auch sagen: Bis zu meiner Bachelorarbeit wusste ich nicht, dass mir die Laborarbeit Spaß macht. Die ganzen Praktika davor waren in kleinen Gruppen. Man lernt besser selbstständig zu sein, wenn man auch einfach ein eigenes Projekt hat. Aber meiner Meinung nach, hat es sich sehr gelohnt.


Was ich wärmstens empfehlen kann, ist, ein Industriepraktikum zu absolvieren, da es für den Berufseinstieg sehr vorteilhaft ist. Auslandserfahrungen sind ebenfalls nie verkehrt. Das war bei mir zum Beispiel für dieses Jahr (2020) geplant, was Corona-bedingt dann ins Wasser fiel.
Ich wünsche allen alles Gute und viel Erfolg auf Ihrem Weg.


Dankeschön Loan für deine Zeit und diesen Einblick in dein Studium.  agrajo wünscht dir alles Gute für deine Zukunft!


Der Einblick in den Studiengang Biochemie hat dich neugierig gemacht? Kein Wunder! Das Aufgabenfeld ist abwechslungsreich und bietet ständig neue spannende Herausforderungen. Dich interessiert das Arbeiten im Labor? Dann lies doch hier mal das Berufsbild der Biologielaborantin.

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Autor: agrajo-Redaktion im Interview mit Loan Vuong

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