Interview mit einem Baumpfleger: So stärkt der Fachverband die Ausbildung

Jörg Cremer ist ausgebildeter Forstwirt und machte sich 1991 mit einer eigenen Firma selbstständig. Er absolvierte die Fortbildung zum Fachagrarwirt für Baumpflege & Baumsanierung. Seit 2010 ist er Mitglied im Vorstand Fachverband geprüfter Baumpfleger e.V. und seit 2016 Vorsitzender.

Wir haben mit Herrn Cremer über seinen Werdegang sowie sein Engagement im Fachverband geprüfter Baumpfleger e.V. gesprochen. Erfahre mehr über den beruflichen Werdegang eines Baumpflegers und erhalte erste Informationen über das Berufsbild!

Herr Cremer, wie sind Sie zur Baumpflege gekommen?

Viele Forstleute gehen aus Passion in den Wald. Doch die Forstwirtschaft der 80er Jahre war Akkordarbeit – mit zunehmender Maschinenarbeit. Der Baum wurde zum betriebswirtschaftlichen Anteil, das heißt die Menge auf dem Boden zählte und nicht das, was der Forstwirt als Arbeit macht. Als Forstwirtschaftler hatte man, entgegen den Bedürfnissen, den Baum nicht mehr im Blick.

Ich habe damals im kommunalen Betrieb der Stadt Bonn gearbeitet. Ein mit dem Naturland-Zertifikat ausgezeichneter Betrieb, der für die damalige Zeit sehr fortschrittlich war. In diesem Betrieb zählte der einzelne Baum. Zu meiner damaligen Tätigkeit zählte neben der Pflege von Biotoptypen u.a. die Pflege von Streuobstwiesen.
Schon damals waren Themen wie Nachhaltigkeit, Naturschutz und Biodiversitäten wichtig. Für mich stand der Wald und der einzelne Baum im Fokus.

Was macht ein Forstwirt?

Das Büro des Forstwirts befindet sich „draußen“ – aber wo ist das eigentlich und welche Aufgaben übernimmt er? Wir verraten es dir!

Sie haben sich einige Jahre nach Ihrer Ausbildung zum Forstwirt selbstständig gemacht – Welche Gründe haben Sie zu diesem Schritt bewegt?

Mein Ausbildungsbetrieb hatte den Fokus auf Natur- und Landschaftsschutz und nach praktischer Tätigkeit als Zivildienstleistender in der Landschaftspflege habe ich die fachgerechte Pflege von Biotoptypen als Marktlücke gefunden.

Fazit: Der Markt war interessant und gefragt, Fortbildungen und Weiterbildungen gab es damals nur wenige. Ich habe Kurse in Biotoppflege gegeben und unter anderem mit dem WDR zusammengearbeitet.

Ungefähr 20 Jahre nach Ihrer Ausbildung haben Sie die Fortbildung zum Fachwirt für Baumpflege & Baumsanierung absolviert und Ihren Betrieb umstrukturiert. Wie kam es dazu?

Bäume waren schon damals mein Thema und es war bereits seit Ende der 80er Jahre absehbar, dass Bäume ein Zukunftsthema im Rahmen des Klimawandels werden. Und die Themenrelevanz ist auch in Pandemiezeiten gegeben: Leute nutzen die Landschaft, beispielsweise den Park, und damit auch die Bäume.

Damals gab es kaum Baumpfleger und dieses Aufgabengebiet fing an sich zu entwickeln. Als Forstwirt hatte ich kaum/wenig Wissen über Großbäume, sondern Wissen über Streuobstwiesen, und deswegen habe ich den Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung gemacht – und die Einstellung zur Baumpflege geändert.

Heutzutage geht es darum baumschonend zu schneiden, denn weniger ist mehr.

Bäume in einem städtischen Park
Der Beruf des Baumpflegers ist systemrelevant, denn nicht nur in Parks nutzen wir die Bäume und Landschaft. (© stock.adobe.com/Yoshinori Okada)

Welche verschiedenen Wege führen zum Beruf des anerkannten Baumpflegers?

Leider gibt es noch keine Ausbildung zum Baumpfleger, was ich als Vorsitzender des Fachverbandes geprüfter Baumpfleger e.V. im Rahmen der Neuordnung der gärtnerischen Ausbildung derzeit versuche zu ändern. Nur im Rahmen einer Ausbildung können Arten- und Baumkenntnisse viel substanzieller und spezieller gelehrt werden.

Man muss zwischen einer staatlich anerkannten Fortbildung auf Basis einer Berufsausbildung und einer Weiterbildung im Rahmen von privatwirtschaftlichen Zertifikaten differenzieren. Bis zum 1.1.2021 war der einzige anerkannte Baumpfleger der Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung, dieser ist laut Berufsbildungsgesetz staatlich anerkannt. Seit dem 1.1.21 wurde diese Fortbildung erneuert und zum Fachagrarwirt für Baumpflege-Bachelor Professional, vergleichbar mit dem Meister, ausgebaut.

Als Weiterbildungen gibt es:

  • Den European-Treeworker (ETW) und den European-Treetechnician (ETT), letzterer (ETT) ist vergleichbar mit dem alten Fachagrarwirt vor der Novellierung. Beide werden privatrechtlich durch den European Arboricultural Council e.V. organisiert und sind nützlich, wenn man z.B. im Ausland arbeiten möchte.
  • Den Abschluss bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen zum LWK-zertifizierten Baumpfleger
  • Den Studiengang für Arboristik in Göttingen mit dem Abschluss zum Bachelor Arboristik
  • Den FLL zertifizierten Baumkontrolleuer/in

Welche Fähigkeiten und Kenntnisse sind Ihrer Meinung nach für einen Baumpfleger unverzichtbar?

Als Forstwirt musste ich lernen über lange Zeiträume zu denken. Ein Wald braucht Generationen, um zu wachsen, und erst die Urenkel werden den Ertrag nutzen können. Das muss auch das Ziel eines Baumpflegers sein. Nur wenige Bäume werden innerhalb eines Menschenlebens zu ausgewachsenen Bäumen – nur dass wir hier nicht vom Ertrag im eigentlichen Sinne reden, sondern vom Nutzen (Funktion), den der Baum für das Klima z.B. in der Stadt hat. Diese Funktion ist ebenfalls wirtschaftlich darstellbar und einem Baumpfleger muss klar sein, dass der objektive wirtschaftliche Wert eines Stadtbaumes in der Regel im oberen fünfstelligen Bereich liegt. Wer also ohne eine fundierte Fachkunde an einem Baum arbeitet, kann sehr schnell einen teuren Schaden anrichten (was man bei einer Reparatur eines Autos sicher auch nicht erwarten würde).

Ein Baumpfleger benötigt:

  • Motivation
  • körperliche Fitness
  • Spaß an den Bäumen
  • und er muss sich ständig (!) weiterbilden

Nur wenige Berufe können so abwechslungsreich sein wie der des Baumpflegers. Das Spektrum ist groß, entsprechend bietet die Baumpflege aber auch weniger fitten und älteren Menschen gute Jobs und Aufstiegsmöglichkeiten. Besonders in den letzten 10 bis 20 Jahren hat sich der Beruf stark entwickelt: Die Baumpflege ist für uns Menschen systemrelevant und in der Branche werden gute, motivierte und gut ausgebildete Baumpfleger gesucht.

In vielen Städten beginnt bereits ein Umdenken – anstatt den Fokus nur auf den Ausbau von Straßen/Infrastruktur etc. zu setzen, erkennt man, dass die Planung, Anlage und Pflege von grünen Städten, der Umgang mit Wasser und frischer Luft einen erheblichen Bedarf an Fachkräften von Auszubildenden bis hin zum Ingenieur/Forschenden in der Zukunft braucht. Und wir sehen jetzt schon den Mangel an Fachkräften und die durchaus guten Verdienstmöglichkeiten in unserer Branche. Egal auf welcher Ebene man in der Baumpflege tätig ist, ein guter motivierter Baumpfleger wird niemals arbeitslos und hat beste Verdienst- und Berufsaussichten.

Bäume in einer großen Stadt wie Berlin - Tiergarten
Bäume nutzen dem Klima, zum Beispiel in Städten – so auch in Großstädten wie Berlin. Gut ausgebildete Baumpfleger sind daher in vielerlei Hinsicht unerlässlich. (© stock.adobe.com/marcus_hofmann)

In welchen Abständen sollten Baumpfleger an Weiterbildungen teilnehmen?

Fortbildungen und Weiterbildungen sollten alle zwei Jahre durch den Besuch von Seminaren aktualisiert werden, denn es gibt auch hin und wieder regelmäßig neue Erkenntnisse und Rechtsgrundlagen – beispielsweise zum Thema Artenschutz.

Auch die Vorgaben der Arbeitssicherheit und Gesundheitsprävention gehören bedingt zur Weiterbildung dazu.
Der Fachverband bietet einmal jährlich allen, sowohl Mitgliedern als auch Nicht-Mitgliedern, Weiterbildungen an.
Die Weiterbildung zum ETW und Baumkontrolleur muss alle drei Jahre aufgefrischt werden. Zudem müssen die Seminare ein gewisses Niveau haben, ansonsten kann der Status als ETW etc. verloren gehen.

Bundesweit werden viele gute Weiterbildungen und Seminare angeboten. Besonders bekannt sind die Augsburger Baumpflegetage – an der Hauptveranstaltung nehmen bis zu 1.500 Baumpfleger teil. Wer auf der Suche nach Fort- und Weiterbildungen ist, kann auch den Verband anschreiben – eine Mail mit bisherigen Wissensgrundlagen und der Arbeitsregion reicht.

Woran können Bürgerinnern und Bürger einen „seriösen“ Baumpfleger erkennen?

Die Grundlage aller Baumpflegenden ist die ZTV- Baumpflege, dieses Regelwerk definiert die gute fachliche Praxis. Die ZTV-Baumpflege ist das Standard-Regelwerk für Baumpflegearbeiten. Die ZTV-Baumpflege gilt für die Ausführung von vorbeugenden, erhaltenden, verkehrssichernden und nachsorgenden Maßnahmen an Bäumen, die nicht der wirtschaftlichen Nutzung dienen, sowie ihres Baumumfeldes.

Einen guten Baumpfleger erkennen Sie daran, dass er auch “Nein” sagen kann. Ein guter Baumpfleger würde nie einen Baum stark über 20 % der Krone ohne ein objektives Defizit bei der Stand- oder Bruchsicherheit einkürzen – sondern, getreu der Aussage “weniger ist mehr”. Denn einem gut gepflegten Baum sehen Sie nicht an, dass er gepflegt ist. Das Kappen von Bäumen ist für den Baum das schlimmste, denn es schädigt den Baum, führt zu Fäule, Folgekosten und macht keinen Baum sicherer.

Ein guter Baumpfleger berät und überzeugt den Baumbesitzer.

Beratungsresistente Kunden sind nicht meine Kunden. Zudem lebt das Unternehmen von Kunden-Empfehlungen und nicht von einer Google-Platzierung.

Herr Cremer, was macht der Fachverband geprüfter Baumpfleger e.V.?

Einmal im Jahr bietet der Fachverband subventionierte Weiterbildungen an. Zur Haupttätigkeit des Verbandes zählt es, die Baumpflege zu etablieren und die fachgerechte Baumpflege in Deutschland umsetzen, zu qualifizieren und zu etablieren.

Wir arbeiten an der Erstellung von Regelwerken und Fachbeiträgen, delegieren Sachverständige im Rahmen von Verordnungen, Rahmenstoffplänen für die Fort- und Weiterbildung, definieren Standards in Theorie und Praxis.

Sie engagieren sich seit 2010 ehrenamtlich beim Fachverband – Worin besteht hier Ihre Tätigkeit?

Jorg Cremer, Baumpfleger und Vorsitzender vom Fachverband geprüfter Baumpfleger e.V.

Ich sitze in Ausschüssen für Regelwerke der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL). Außerdem habe ich an der Novellierung des Fachagrarwirts für Baumpflege mitgewirkt und setzte mich im Rahmen der Novellierung der gärtnerischen Ausbildung für eine Ausbildung zum Baumpfleger ein. 90 % meiner ehrenamtlichen Arbeit findet in Ausschüssen statt.

Warum lohnt sich für Baumpfleger eine Mitgliedschaft im Fachverband geprüfter Baumpfleger e.V.?

Der Fachverband setzt Standards und setzt sich als starke Gemeinschaft für die Baumpflege, aber auch für Baumpflegende ein. Im Laufe unserer Arbeit konnten wir viele Dinge bewegen, wo ein Einzelner nicht gehört wird, können aktuell mehr als 500 Mitglieder nicht überhört werden.

Wir werden nicht nur wahrgenommen, sondern zunehmend auch ernst genommen. Außerdem werden die Fortbildungen subventioniert, daher kann der Fachverband die Seminare deutlich günstiger anbieten – hiervon profitieren die Mitglieder.

Mit welchem Einstiegslohn kann man in der Baumpflege rechnen?

Das Ausbildungsgehalt im Garten- und Landschaftsbau

Während der dreijährigen Ausbildung erhält ein Auszubildender gemäß Tarifbereich Garten, Landschafts- und Sportplatzbau folgende monatliche Ausbildungsvergütung:

  • Im 1. Ausbildungsjahr: Vergütung von 930,00 €
  • Im 2. Ausbildungsjahr: Vergütung von 1.030,00 €
  • Im 3. Ausbildungsjahr: Vergütung von 1.135,00 €

Ab dem 01.07.2022 wird die Ausbildungsvergütung um 30 bis 35 € erhöht.

Das Ausbildungsgehalt in der Forstwirtschaft

Während der dreijährigen Ausbildung zum Forstwirt erhält ein Auszubildender gemäß Tarifvertrag für Auszubildende der Länder in Ausbildungsberufen nach dem Berufsbildungsgesetz (TVA-L BBiG) folgende monatliche Ausbildungsvergütung:

  • Im 1. Ausbildungsjahr: Vergütung von 1.036,82 €
  • Im 2. Ausbildungsjahr: Vergütung von 1.090,96 €
  • Im 3. Ausbildungsjahr: Vergütung von 1.140,61 €

Bei Betrieben, die nicht diesem Tarifvertrag unterliegen, erhalten Auszubildende zwischen 580 und 750 € im ersten Ausbildungsjahr, circa 640 bis 815 € im zweiten Ausbildungsjahr und zwischen 680 und 875 € im dritten Ausbildungsjahr.

Gehalt: So viel verdient ein Baumpfleger

Der Einstiegslohn in der Baumpflege ist in der Regel (z.B. in meinem Betrieb) von der Motivation und Leistungsbereitschaft abhängig. So viel kann ein Baumpfleger – ahängig von seiner Ausbildung – verdienen:

  • Ein Baumarbeiter/Treeworker (ETW) mit Seilklettertechnik und ohne eine Ausbildung im grünen Beruf erhalten einen Stundenlohn von 15,46 € (brutto)
  • Ein Fachagrarwirt (alt) mit Abschluss im grünen Beruf erhält 17,33 € pro Stunde (brutto)
  • Ein Fachagrarwirt (alt) mit Abschluss im grünen Beruf und leitender Funktion erhält 19,18 € pro Stunde (brutto)
  • Ein Fachagrarwirt/Betriebsleiter (neu ab 2021) kann mit dem Lohn eines Meisters im Garten- und Landschaftsbau rechnen und erhält 22,58 € pro Stunde (brutto)

In der Baumpflege wird in der Regel über Tarif gezahlt. Ein guter Betrieb bietet neben einem leistungsgerechten Lohn ein motivierendes Betriebsklima, fördert die Fort- und Weiterbildung und ermöglicht eine abwechslungsreiche Tätigkeit.

Abschließende Worte: Die Ausbildung muss gestärkt werden

Aktuell dürfen reine Baumpflegebetriebe leider nicht ausbilden, weil Baumpflege bisher kein Ausbildungsberuf ist. Wir brauchen dringend eine Ausbildung zum Baumpfleger und die Auszubildenden müssen in Baumpflegebetrieben ausgebildet werden. Eine Ausbildung ist in unserer Gesellschaft essenziell und nur eine Ausbildung zum Baumpfleger wird den Mitarbeitern und den Bäumen eine gesicherte Zukunft bieten. Meine Empfehlung darüber hinaus ist: Fortbilden, Fortbilden, Fortbilden.


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