Interview: Wie funktionieren Recruiting und Personalführung während der Corona-Krise?

Wir haben mit Frau Tamara Koop von der Employer-Branding-Agentur Personalwerk gesprochen. Personalwerk ist eine Fachagentur mit Spezialisten, die Arbeitgebern rund um die Themen Personalmarketing, Employer Branding, E-Recruiting und Personalberatung zur Seite stehen.

Die komplette Welt wird seit knapp eineinhalb Jahren durch die Corona-Krise beeinflusst und verändert. Tipps, wie Sie dennoch gute Mitarbeiter finden können, und warum die Krise eventuell sogar eine Chance für Ihr Unternehmen sein kann, erfahren Sie in unserem Beitrag.

Frau Koop, stellen Sie uns zu Beginn bitte kurz Ihre Agentur Personalwerk vor. Wer oder was ist das Personalwerk?

Tamara Koop: Personalwerk ist eine Personalmarketing- und Employer-Branding-Agentur, die auf eine jahrzehntelange Unternehmensgeschichte im Bereich Recruiting zurückblickt. Mit vier eigenständigen Bereichen, die jeweils auf die speziellen Ansprüche unserer Kunden spezialisiert sind, bieten wir ihnen fachkundiges HR-Know-how u.a. in Sachen Anzeigenschaltung, Steigerung der Arbeitgeberattraktivität, Optimierung Ihrer Karrierewebsites oder beim Thema Direktansprache. Wir verstehen uns als 360-Grad-Agentur im Bereich Recruiting, da wir unsere Kunden durch unsere verschiedenen Kompetenzzentren vollumfänglich betreuen und unterstützen können.

Wir, das sind rund 200 Personalwerkerinnen und Personalwerker, die tagtäglich ihr Bestes geben, um Menschen und Unternehmen zusammen zu bringen. Dabei legen wir jedoch großen Wert darauf, dass wir nicht als klassischer Personaldienstleister gesehen werden. Vielmehr verstehen wir uns als beratende Agentur im HR-Bereich, die Personalverantwortlichen tatkräftig zur Seite steht, wenn es darum geht, durch innovative, zielgruppengerechte und attraktive Personalmarketingmaßnahmen effizient qualifiziertes Personal zu rekrutieren.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach Recruiting allgemein? Welche Chancen ergeben sich für Arbeitgeber durch gezielte Mitarbeiterbeschaffung?

Tamara Koop: Wie könnte man es schöner formulieren als es Hans Christoph von Rohr (*1938) einst getan hat: „Kapital lässt sich beschaffen, Fabriken kann man bauen, Menschen muss man gewinnen.“ Recruiting ist und bleibt wichtig, denn gutes Personal ist die Basis eines jeden Unternehmens. Je mehr sich ein Unternehmen weiterentwickelt, desto größer wird früher oder später der Bedarf an weiteren Fachkräften sein. Daher sollten Unternehmen im besten Fall Recruiting nicht nur phasenweise betreiben, sondern über das Jahr hinweg immer wieder hinterfragen: Welche Aufgaben gibt es zu verteilen und welche neuen Bereiche und Berufsfelder ergeben sich aus den aktuellen Anforderungen im Unternehmen?

Durch diesen Kreislauf wird deutlich, dass Recruiting stark mit der Entwicklung eines Unternehmens zusammenhängt und daher immer im Fokus bleiben sollte. Gezielte Mitarbeiterbeschaffung bringt daher die Chance mit sich, die eigenen Prozesse und Bereiche immer wieder neu zu hinterfragen und voranzutreiben.

Unternehmen sollten im besten Fall Recruiting nicht phasenweise, sondern über das Jahr hinweg betreiben.

Durch die derzeitige Lage wird der Prozess der Mitarbeiterbeschaffung nicht einfacher. Wie wirkt sich die Corona-Krise in den vergangenen Monaten auf den Recruiting-Prozess aus? Und sind die Folgen auch heute noch zu spüren?

Tamara Koop: Schon vor der Pandemie handelte es sich in Deutschland um einen Bewerbermarkt, das heißt dass vor allem die Kandidaten das Sagen auf dem Markt haben. Durch den anhaltenden Fachkräftemangel in Deutschland müssen Unternehmen um die qualifiziertesten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ringen, denn das Angebot ist beschränkt. Corona hat dieses Ungleichgewicht verstärkt, da Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei der Wahl ihres zukünftigen Arbeitgebers noch vorsichtiger geworden sind. So legen Bewerberinnen und Bewerber auf die Themen Sicherheit, Vertrauen und Flexibilität viel mehr wert als vor der Krise. Die Ansprüche an Arbeitgeber sind somit mehr gestiegen und der Kampf um die Besten hat sich nochmals verstärkt.

Unternehmen müssen daher vermehrt in ihre Recruiting-Maßnahmen investieren und sich nicht zuletzt auch intensiver mit ihrer Arbeitgebermarke und ihrer Zielgruppe auseinandersetzen. Homeoffice und hybride Arbeitszeitmodelle werden durch die Pandemie-Zeit nun immer mehr von Arbeitnehmerseite eingefordert. Unternehmen, die diesen Wünschen nicht nachkommen können oder wollen, haben schlechtere Karten und müssen dieses Defizit mit anderen Vorteilen ausgleichen. Wichtig dabei: Arbeitgeber müssen zunehmend lernen, ihre Vorteile zu identifizieren und zu kommunizieren, denn die Folgen der Pandemiezeit sind noch spürbar und werden auch weiterhin spürbar bleiben. Arbeitgeber sollten sich somit in der Pflicht fühlen, mehr Bemühungen um ihre potentiellen Kandidatinnen und Kandidaten anzustellen.

Ist es momentan sinnvoll neue Mitarbeiter zu suchen oder gilt es, die unsichere Lage abzuwarten?

Tamara Koop: Es gibt aus Expertensicht keinen Grund Recruiting-Maßnahmen momentan zurückzufahren, im Gegenteil. Gerade die angespannte Stimmung auf dem Bewerbermarkt und das Ringen um die Besten der Besten sollten Grund genug sein, sich am Markt als selbstbewusster Arbeitnehmer zu präsentieren und am Wettbewerb teilzunehmen. Des Weiteren zeigen Studien, dass die Pandemiezeit viele Arbeitnehmer dazu gebracht hat, sich bewusster nach neuen beruflichen Möglichkeiten umzusehen. Bei vielen qualifizierten Fachkräften hat Corona dazu geführt, dass die Bindung zu ihrem Arbeitgeber geringer wurde. So können sich seit der Pandemie immer mehr qualifizierte Fachkräfte vorstellen ihren Job zu wechseln, als noch vor der Krise.

Viele die vorher weniger wechselwillig waren, sind es daher nun – diese Chance sollten Unternehmen nutzen um auf sich aufmerksam zu machen. Die veränderte Bedürfnislage von potentiellen Bewerberinnen und Bewerbern sollte dabei unbedingt berücksichtigt werden, das heißt Arbeitgeber sollten beispielsweise bereits in ihren Stellenanzeigen zeigen, was sie aus der Krise gelernt haben, welche flexiblen Arbeitsmodelle sie anbieten oder ob Homeoffice für sie eine Option ist.

Wie funktionieren Recruiting und Personalführung während der Corona-Krise?
Der veränderten Bedürfnislage der Bewerberinnen und Bewerber können Sie mit Benefits wie flexiblen Arbeitsmodellen begegnen. (Foto: stock.adobe.ocm/jirsaka)

Was können Sie Arbeitgebern raten, die momentan dringend auf der Suche nach neuen Mitarbeitern sind? Stellt das E-Recruiting hier eine Chance dar?

Tamara Koop: Mein erster Rat wäre: Seien Sie mutig! Arbeitgeber müssen heutzutage auffallen, genauso wie ihre Stellenanzeigen. Bei der Masse an Ausschreibungen, sollten Unternehmen zunehmend darauf achten, dass bereits ihre Stellenanzeige ins Auge fällt. Auch die gezielte Aussteuerung sollte nicht unterschätzt werden. Denn eine gute Mediaplanung ist das A und O, wenn es darum geht, das Zielpublikum auch dort zu erreichen, wo es sich aufhält. Was ich Arbeitgebern außerdem raten würde: Bleiben Sie authentisch bei ihrer Arbeitgeberkommunikation! Nichts ist ärgerlicher, als neues Personal, welches noch während der Probezeit das Unternehmen verlässt, da die Versprechen seitens des Arbeitgebers nicht eingehalten werden konnten.

E-Recruiting ist wichtig, keine Frage. Es gibt viele Möglichkeiten, interne und externe HR-Systeme zu verbessern und bewerberfreundlicher zu gestalten, damit Kandidaten nicht schon während des Bewerbungsprozesses die Lust verlieren. Ich denke aber, dass viele Unternehmen schon mit der Feinjustierung kleiner Stellschrauben viel bewegen können, so z.B. an ihrer Karriereseite. Obwohl viele Unternehmen tolle Web-Auftritte haben, lassen manche Karriereseiten noch zu Wünschen übrig. Hier gilt es sich als Arbeitgeber in den Kandidaten hinein zu versetzen und zu verstehen, was Bewerber an Unternehmen attraktiv finden. Gleichen Sie diese Bedürfnisse mit den Angeboten ab, die sie ihren Mitarbeiterinnen bieten können. Seien Sie dabei vor allem ehrlich zu sich selbst, dann können Sie diese Punkte als Ihre Stärken aufbereiten und sich als starken und sicheren Arbeitgeber auf ihrer Karrierewebsite präsentieren.

Auch bietet die eigene Karriereseite beispielsweise die Möglichkeit, Mitarbeiterportraits mit Einblicken in den Unternehmensalltag hochzuladen. So bekommen interessierte Bewerberinnen und Bewerber sofort einen authentischen Eindruck von ihren zukünftigen Kolleginnen und Kollegen und auch von ihrem zukünftigen Arbeitsalltag.

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Auch der Vorstellungsprozess muss in dieser Zeit angepasst werden. Wie laufen Vorstellungsgespräche derzeit ab? Ist ein virtuelles Gespräch Ihrer Ansicht nach aussagekräftig genug, um einen neuen Mitarbeiter wirklich einzustellen?

Tamara Koop: Mittlerweile gibt es tolle und vielfältige Möglichkeiten virtuell mit Kandidaten in Kontakt zu treten. Dabei gestaltet sich nicht nur die Art der Video-Tools sehr vielfältig, sondern es gibt auch immer mehr Möglichkeiten Kandidaten vorab über das Internet besser kennenzulernen. Zudem vermischt sich die digitale Welt zunehmend mit der realen Welt und führt im besten Fall zu mehr Effektivität im Recruiting-Prozess. So greifen z.B. immer mehr Unternehmen darauf zurück, ihren Bewerbern vor dem eigentlichen Kennenlernen per Videobotschaft Fragen zu ihrer Person zu stellen, um abzuschätzen zu können, inwiefern ein persönliches Kennenlernen per Videocall oder vor Ort einen Mehrwert für beide Seiten bietet.

Für beide Parteien kann ein solcher Abgleich von Vorstellungen und Interessen sehr hilfreich sein und unter dem Strich zu einer enormen Zeitersparnis führen. Virtuelle Gespräche bieten außerdem den Vorteil, dass regionale Distanzen keine Rolle mehr spielen und die zeitliche als auch räumliche Hürde für den Bewerber am Gespräch teilzunehmen, viel geringer ist. Somit können beispielsweise auch Fachkräfte aus dem Ausland viel einfacher interviewt und rekrutiert werden. Ob virtuell oder vor Ort – der sogenannte Cultural Fit ist schnell gefunden. Die Einstellung eines Bewerbers sollte also nicht davon abhängen, ob das Gespräch persönlich vor Ort geführt wurde oder nicht, vielmehr sollte der Werteabgleich auf beiden Seiten übereinstimmen.

Sehen Sie grundsätzlich in dieser einzigartigen Zeit auch etwas Positives für Unternehmer bzw. Unternehmen? Wo liegen die bisherigen Chancen für Arbeitgeber in einer solchen Krise?

Tamara Koop: Auf jeden Fall. Unternehmen haben durch die Krise gelernt, sich als Arbeitgeber mehr zu hinterfragen. Das ist wichtig und hilfreich, vor allem wenn es darum geht, sich aufgrund des Fachkräftemangels zunehmend auf die Bedürfnisse von Bewerberinnen und Bewerbern einzulassen. Des Weiteren war die Pandemie der Startschuss für viele Unternehmen, sich digitaler aufzustellen oder ohnehin bestehende Ressourcen in diesem Bereich voller auszuschöpfen.

Dies war und ist auch eine zunehmende Chance für ländliche Unternehmen, die vor Zeiten von Homeoffice größere Schwierigkeiten hatten, geeignete Fachkräfte zu finden. Durch Remote-Work sind ländliche Unternehmen für viele Bewerberinnen und Bewerber viel lukrativer geworden, da die geographische Lage nunmehr weniger eine Rolle für sie spielt. Meiner Ansicht nach ergeben sich für Firmen durch die Krise viel mehr Chancen, als anfangs zunächst erwartet wurde.

Gibt es abschließend noch etwas, das Sie Arbeitnehmern oder -gebern in Bezug auf Recruiting und Personalführung während der Corona-Krise mit auf den Weg geben möchten?

Tamara Koop: Erkennen Sie die Krise als Chance und stellen Sie auf keinen Fall ihre Recruiting-Aktivitäten ein, weil Sie denken, dass sich derzeit niemand bewerben wird. Nutzen Sie die gegenwärtige Zeit des Umbruchs, der Hoffnungen und des Wandels und investieren Sie aktiv in ihre Arbeitgebermarke. Vergessen Sie dabei auch nicht ihre derzeitige Belegschaft immer wieder in ihre Denk- und Optimierungsprozesse miteinzubeziehen, denn sie können ihnen viele Ideen liefern.

Überdenken Sie auch ihre bisherigen Recruiting-Prozesse und trauen Sie sich auch, neue Wege zu gehen. Haben Sie vielleicht schon einmal darüber nachgedacht, über das sogenannte Active Sourcing gezielt qualifizierte Fachkräfte proaktiv anzusprechen? Auch das wäre eine gute Möglichkeit.

Ganz egal, ob Sie zu den Großkonzernen gehören oder sich eher zu den kleinen bis mittelständischen Unternehmen zählen, sie haben sicherlich viele Vorteile als Arbeitgeber. Zeigen Sie diese Ihren potentiellen Kandidaten und machen Sie auf sich aufmerksam. Agenturen wie Personalwerk helfen Ihnen gerne bei der Planung und Umsetzung.

Wir freuen uns sehr, dass sich Frau Koop Zeit genommen hat, unsere Fragen zu beantworten und danken für das interessante Interview.


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