2027 Reform der Ausbildung zum Landwirt: Das ändert sich nach über 30 Jahren
Hintergrund: Warum wird die Ausbildung für Landwirte reformiert?
Autonome Lenksysteme auf dem Acker, digitale Anwendungen im Stall und steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit und Tierwohl: Die Landwirtschaft von heute hat mit der Arbeitswelt von vor 30 Jahren nur noch bedingt etwas gemeinsam. Die Ausbildungsordnung für den Beruf Landwirt stammt allerdings noch aus dem Jahr 1995. Höchste Zeit also für eine Modernisierung.
Wie die agrarheute in ihrem Artikel „Neue Landwirt-Ausbildung ab 2027: Diese Inhalte lernen Azubis“ schildert, wird die landwirtschaftliche Berufsausbildung erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten umfassend überarbeitet. Diese Berichterstattung nehmen wir zum Anlass, die Reform und dessen Auswirkungen auf die Berufswelt der grünen Branche genauer zu betrachten.
Der Grund für die Neuausrichtung liegt im Wandel der landwirtschaftlichen Betriebe. Moderne Technologien, veränderte Bewirtschaftungsverfahren und gesellschaftliche Erwartungen stellen Fachkräfte vor neue Herausforderungen. Neben der praktischen Arbeit im Pflanzenbau und in der Tierhaltung gewinnen deshalb auch Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Kommunikation an Bedeutung.
Der Deutsche Bauernverband (DBV) begrüßt die neue Ausbildungsordnung ausdrücklich. Sein Vizepräsident und Vorsitzender des Fachausschusses Berufsbildung und Bildungspolitik, Dr. Holger Hennies, sieht darin eine wichtige Voraussetzung, um angehende Landwirte auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten und gleichzeitig die Attraktivität des Berufs zu stärken. Besonders wichtig war dem Verband, dass die Ausbildung trotz der zunehmenden Spezialisierung landwirtschaftlicher Betriebe vielseitig bleibt. Schließlich unterscheiden sich die Anforderungen zwischen Ackerbaubetrieben, Milchviehhaltung und Schweineproduktion erheblich.
Wer verantwortet die Modernisierung?
Die neuen Ausbildungsinhalte wurden in einem gemeinsamen Sachverständigenverfahren erarbeitet. Beteiligt waren acht Praktiker aus den Reihen der Landesbauernverbände sowie Vertreter der Arbeitnehmerseite, insbesondere der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Die Koordination übernahm das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Erlassen wurde die neue Ausbildungsverordnung vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Parallel dazu wurde auch der schulische Rahmenlehrplan überarbeitet. Damit flossen sowohl die Erfahrungen aus der landwirtschaftlichen Praxis als auch die Anforderungen der beruflichen Bildung in die Neugestaltung ein.
Alle wichtigen Änderungen im Überblick: Was bleibt gleich und was wird neu?
Ab dem 1. August 2027 gilt eine neue bundesweite Ausbildungsordnung für den Beruf Landwirt. Sie ersetzt die bisherige Regelung von 1995 und soll die Ausbildung stärker an den heutigen Anforderungen der landwirtschaftlichen Praxis ausrichten. Für angehende Auszubildende bedeutet das jedoch nicht, dass der Beruf vollständig neu gestaltet wird. Vielmehr werden bestehende Ausbildungsinhalte modernisiert und um zusätzliche Kompetenzen ergänzt.
Was bleibt gleich?
- Die Ausbildung dauert weiterhin drei Jahre und erfolgt grundsätzlich im dualen System. Die Auszubildenden erwerben ihre praktischen Kenntnisse im Ausbildungsbetrieb und werden ergänzend in der Berufsschule unterrichtet.
- Die beiden zentralen Bereiche Pflanzenbau und Tierhaltung bleiben fester Bestandteil der Ausbildung. Angehende Landwirt lernen somit weiterhin die Grundlagen der landwirtschaftlichen Produktion und erwerben praktische Fähigkeiten im Umgang mit Pflanzen, Tieren und landwirtschaftlichen Maschinen.
- Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Ausbildung bleibt bewusst breit aufgestellt. Trotz der zunehmenden Spezialisierung vieler Betriebe wird es keine getrennten Ausbildungsberufe für einzelne Produktionsrichtungen geben. Unterschiedliche Bewirtschaftungsformen, darunter die konventionelle und ökologische Landwirtschaft, bleiben Teil eines gemeinsamen Berufsbildes.
Was sind die wichtigsten Veränderungen?
Die Modernisierung betrifft vor allem die Kompetenzen, die über die klassischen landwirtschaftlichen Tätigkeiten hinausgehen. Dazu gehören der Umgang mit digitalen Technologien, die Beurteilung nachhaltiger Bewirtschaftungsmaßnahmen und das Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge.
Auch persönliche und soziale Fähigkeiten werden stärker berücksichtigt. Auszubildende sollen lernen, ihre eigene berufliche Rolle zu reflektieren, mit anderen zusammenzuarbeiten und landwirtschaftliche Entscheidungen verständlich zu kommunizieren. Die Ausbildung vermittelt damit weiterhin eine breite praktische Grundlage, verbindet diese aber stärker mit den technischen, ökologischen und gesellschaftlichen Anforderungen der modernen Landwirtschaft.
Neue Ausbildungsverordnung: Diese Inhalte müssen angehende Landwirte künftig lernen
Ein Traktor mit digitalem Lenksystem, Daten zur Bewirtschaftung von Ackerflächen oder Fragen von Verbrauchern zur Tierhaltung, der landwirtschaftliche Berufsalltag erfordert heute weit mehr als handwerkliches Geschick. Genau deshalb werden mit der neuen Ausbildungsverordnung zusätzliche Schwerpunkte gesetzt. Dabei geht es nicht darum, die klassischen Tätigkeiten zu ersetzen, sondern sie um Fähigkeiten zu ergänzen, die im modernen Betriebsalltag immer wichtiger werden.
| Digitale Technologien spielen in der Landwirtschaft eine zunehmend größere Rolle. Deshalb sollen angehende Landwirt lernen, digitale Anwendungen im beruflichen Alltag einzusetzen und betriebliche Abläufe mithilfe moderner Technik zu unterstützen. Moderne Traktoren werden beispielsweise mithilfe digitaler Lenksysteme gesteuert, während landwirtschaftliche Anbaugeräte elektronisch bedient werden. Deshalb sollen angehende Landwirt künftig verstärkt lernen, digitale Anwendungen und moderne Landtechnik sicher einzusetzen und betriebliche Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten. Solche Entwicklungen verdeutlichen, weshalb technische und digitale Kompetenzen stärker in der Ausbildung verankert werden. |
| Auch ökologische Zusammenhänge erhalten mehr Gewicht. Auszubildende sollen landwirtschaftliche Maßnahmen nicht nur praktisch durchführen, sondern ihre Auswirkungen auf Umwelt, Tiere und betriebliche Abläufe beurteilen können. Dabei spielen unter anderem Bodenschutz, Ressourcenschonung, Tierwohl und nachhaltige Bewirtschaftung eine Rolle. Landwirtschaftliche Entscheidungen sollen stärker unter Berücksichtigung wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Ziele betrachtet werden. |
| Landwirtschaftliche Betriebe müssen nicht nur produzieren, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich arbeiten. Deshalb gewinnen Kenntnisse über betriebliche Abläufe, marktwirtschaftliche Entscheidungen und die Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse an Bedeutung. Angehende Fachkräfte sollen Zusammenhänge besser verstehen und lernen, betriebliche Entscheidungen fachlich und wirtschaftlich zu beurteilen. |
| Eine besonders interessante Neuerung betrifft die Kommunikation. Landwirte sollen ihre Arbeit künftig noch besser erklären und mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen in den Dialog treten können. Vor allem die sozialen Medien bieten die Möglichkeit, Einblicke in den landwirtschaftlichen Berufsalltag zu geben und Verbraucher über Themen wie Tierhaltung, Pflanzenbau und Pflanzenschutz zu informieren. Dadurch können landwirtschaftliche Prozesse verständlicher vermittelt und das Bewusstsein für die Arbeit in der Landwirtschaft gestärkt werden. Solche Fähigkeiten sind jedoch nicht nur auf Social Media gefragt, sondern auch im Austausch mit Kunden, Geschäftspartnern, Kollegen und der Öffentlichkeit. Kommunikation, Kooperation, Selbstreflexion und das berufliche Rollenverständnis werden deshalb stärker in der Ausbildung berücksichtigt. Auszubildende sollen lernen, ihre fachlichen Entscheidungen nachvollziehbar zu erklären und ihre berufliche Rolle bewusst wahrzunehmen. Auszubildende sollen nicht nur fachlich kompetent handeln, sondern ihre Entscheidungen auch nachvollziehbar vermitteln können. |
Zwischenprüfung und Abschlussprüfung: So verändert sich die Prüfungsstruktur
Nicht nur die Ausbildungsinhalte, sondern auch die Prüfungen werden überarbeitet. Die neue Ausbildungsverordnung sieht eine modernisierte Prüfungsstruktur vor, die sich stärker an typischen betrieblichen Arbeitsprozessen orientiert.
Die Zwischenprüfung bleibt bestehen. Sie soll künftig im vierten Ausbildungshalbjahr stattfinden und überprüft die bis dahin erworbenen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten. Dabei werden sowohl die praktische Ausbildung als auch die entsprechenden Inhalte des Berufsschulunterrichts berücksichtigt. Auch die Abschlussprüfung wird neu strukturiert. Sie besteht künftig aus fünf Prüfungsbereichen, in denen praktische und theoretische Kenntnisse sowie übergreifende berufliche Kompetenzen bewertet werden. Neben den zentralen Bereichen Pflanzenbau und Nutztierhaltung werden damit auch Kommunikation sowie Wirtschafts- und Sozialkunde berücksichtigt. Ziel ist es, nicht nur einzelne Wissensbereiche abzufragen, sondern stärker zu prüfen, ob angehende Landwirt berufliche Aufgaben verstehen, planen, praktisch umsetzen und ihre Entscheidungen fachlich begründen können. Doch was bedeutet das für die Prüfungsvorbereitung?
Für zukünftige Auszubildende wird es wichtiger, landwirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und praktische Entscheidungen nachvollziehbar zu erklären. Neben dem fachlichen Wissen gewinnen somit die Anwendung und die Beurteilung betrieblicher Situationen an Bedeutung.Wer bereits eine Ausbildung absolviert, muss sich allerdings nicht automatisch auf die neue Prüfungsordnung einstellen. Für Auszubildende, die 2027 ihre Zwischen- oder Abschlussprüfung ablegen, gelten weiterhin die bisherigen Regelungen. Für bereits laufende Ausbildungsverhältnisse bestehen zudem Übergangsbestimmungen. Die neue Prüfungsstruktur betrifft damit vor allem diejenigen, die ihre Ausbildung ab August 2027 beginnen.
Was müssen Ausbildungsbetriebe und Ausbilder beachten?
Die Reform verändert nicht nur den Ausbildungsalltag der Azubis. Auch landwirtschaftliche Unternehmen und ihre Ausbilder müssen sich auf die neuen Anforderungen vorbereiten. Mit dem Inkrafttreten der Ausbildungsverordnung am 1. August 2027 bilden die modernisierten Ausbildungsinhalte die Grundlage für neue Ausbildungsverhältnisse. Betriebe müssen deshalb prüfen, wie sich die zusätzlichen Kompetenzen in ihre betriebliche Ausbildung integrieren lassen. Dabei geht es nicht ausschließlich um neue technische Anwendungen. Auch die Vermittlung von Nachhaltigkeit, wirtschaftlichen Zusammenhängen und kommunikativen Fähigkeiten gewinnt an Relevanz.
Ausbildungsinhalte an die Praxis anpassen:
Ausbilder sollten sich frühzeitig mit der neuen Ausbildungsordnung und dem Ausbildungsrahmenplan beschäftigen. Entscheidend ist, welche Kenntnisse und Fähigkeiten künftig vermittelt werden müssen und wie sich diese sinnvoll in den Betriebsalltag einbinden lassen. Gerade auf spezialisierten Betrieben kann es eine Herausforderung sein, die breite Ausbildung in Pflanzenbau und Tierhaltung abzudecken. Die neue Verordnung hält bewusst an dieser Vielseitigkeit fest, obwohl sich landwirtschaftliche Betriebe regional und fachlich stark unterscheiden.
Digitale und kommunikative Kompetenzen vermitteln:
Moderne Landtechnik und digitale Anwendungen gehören in vielen Betrieben bereits zum Alltag. Für Ausbilder kommt es künftig noch stärker darauf an, die zugrunde liegenden Arbeitsprozesse zu erklären und Auszubildende zur eigenständigen Anwendung anzuleiten. Auch kommunikative Fähigkeiten lassen sich im Betrieb vermitteln, beispielsweise bei der Zusammenarbeit im Team, beim Kontakt mit Geschäftspartnern oder bei der Erklärung betrieblicher Entscheidungen.
Neue Prüfungsanforderungen berücksichtigen:
Mit der veränderten Prüfungsstruktur sollten Betriebe außerdem darauf achten, dass Auszubildende nicht nur praktische Arbeitsschritte beherrschen, sondern diese auch fachlich begründen und wirtschaftliche sowie ökologische Zusammenhänge erkennen können. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen bereitet ihre Ausbildungsberatung bereits auf die Umsetzung vor. Ausbilder sollen im Rahmen von Ausbildertagungen über die Neuerungen und ihre praktische Anwendung informiert werden. Weitere konkrete Hinweise für Ausbildungsbetriebe werden schrittweise bekannt gegeben. Für Unternehmen lohnt es sich deshalb, die Informationen der zuständigen Landwirtschaftskammern und Ausbildungsstellen frühzeitig zu verfolgen. Die Reform bietet Ausbildungsbetrieben zugleich die Möglichkeit, ihre Ausbildung weiterzuentwickeln und jungen Menschen ein vielseitiges, modernes Berufsbild zu vermitteln.