Eine junge Frau geht eine Straße in der Stadt entlang, schreibt Nachrichten und hält dabei einen Kaffeebecher in der Hand.
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14.10.2026
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Antonia Gabarda-Crespo

Darf der Coffee to-go mit in das Bewerbungsgespräch

Kaffee-to-go beim Bewerbungsgespräch: Wo liegt eigentlich das Problem?

Ein Kaffee in der Hand sagt zunächst einmal wenig darüber aus, ob du für einen Job qualifiziert bist. Trotzdem kann er im Bewerbungsgespräch einen bestimmten Eindruck vermitteln,  zumindest nach Ansicht von Recruiterin Caitlin Wehniainen.

In ihrem viral gegangenen TikTok berichtet sie davon, dass Bewerber der Gen Z häufiger mit Iced Coffee oder Iced Latte zum Vorstellungsgespräch erscheinen. Für Wehniainen kann das zu beiläufig wirken, denn das Interview sehe dadurch möglicherweise wie ein weiterer Punkt auf der persönlichen Tagesagenda aus. Erst Starbucks, dann Bewerbungsgespräch und anschließend der nächste Termin. Ihr Rat lautet deshalb, den Kaffee vor dem Gespräch auszutrinken oder ihn sich erst danach zu holen.

Neben dieser Außenwirkung gibt es auch ganz praktische Argumente gegen den Becher. Du musst ihn bei der Begrüßung irgendwo unterbringen, möglicherweise hinterlässt Kondenswasser feuchte Hände oder Flecken auf dem Tisch und im ungünstigsten Fall verschüttest du dein Getränk. Der Coffee-to-go kann somit schlicht eine zusätzliche Ablenkung in einer Situation sein, in der du dich eigentlich vollständig auf dein Gegenüber konzentrieren möchtest.

Wehniainen stellte nach der heftigen Reaktion auf ihr Video allerdings ausdrücklich klar: Sie wollte nicht behaupten, dass ein Kaffee jemanden zu einem schlechten Bewerber oder einer schlechten Bewerberin macht. Ihr gehe es vielmehr darum, unnötige Ablenkungen zu vermeiden und Bewerber dafür zu sensibilisieren, wie bestimmte Verhaltensweisen in einem konkreten beruflichen Umfeld wahrgenommen werden könnten.

Coffee-to-go und Arbeitsmoral: Gibt es da wirklich einen Zusammenhang?

Genau hier wird aus einem einfachen Bewerbungstipp eine viel größere Debatte: Kann ein Coffee-to-go tatsächlich etwas über deine Arbeitsmoral aussagen?

In den Diskussionen rund um das TikTok wird der Kaffeebecher teilweise mit einem zu lockeren Auftreten verbunden. Wer einen Iced Coffee mitbringt, könne den Eindruck vermitteln, das Bewerbungsgespräch nicht als besonderen Termin wahrzunehmen. Andere Stimmen gehen noch weiter und verbinden die Diskussion mit allgemeinen Vorurteilen gegenüber der Gen Z und ihrer vermeintlich geringeren Arbeitsmoral.

Einen tatsächlichen Zusammenhang zwischen einem mitgebrachten Kaffee und schlechter Arbeitsmoral belegen die vorliegenden Artikel allerdings nicht. Auch Wehniainen selbst relativierte diese Interpretation später. Ihre Aussage bezog sich auf die mögliche Wahrnehmung im Bewerbungsgespräch, nicht auf die tatsächliche Arbeitsleistung oder Qualifikation eines Menschen.

Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied: Im Bewerbungsgespräch spielen neben deiner fachlichen Eignung auch Auftreten, Körpersprache, Kleidung und Umgangsformen eine Rolle. Solche Signale können beeinflussen, wie dein Gegenüber dich wahrnimmt, sie beweisen aber nicht automatisch, wie engagiert oder leistungsfähig du später im Job bist.

Der Coffee-to-go wird damit vor allem zum Symbol für eine viel grundsätzlichere Frage: Wie viel Gewicht sollten ungeschriebene Regeln im Bewerbungsprozess überhaupt haben?

Ein Kaffeebecher spaltet das Netz: Warum ist die Debatte so umstritten?

Auf Wehniainens TikTok folgten Tausende Kommentare und zahlreiche Reaktionsvideos. Die Diskussion schwappte von TikTok auf LinkedIn über und wurde schließlich auch von internationalen Medien aufgegriffen. Der Grund für die Aufmerksamkeit liegt weniger im Kaffee selbst als in den unterschiedlichen Vorstellungen davon, was professionelles Verhalten heute bedeutet.

Auf der einen Seite stehen diejenigen, die Wehniainens Empfehlung nachvollziehen können. Für sie gehört es zu einem professionellen Auftreten, einem Bewerbungsgespräch einen besonderen Stellenwert einzuräumen und mögliche Ablenkungen zu vermeiden. Der Coffee-to-go wird dabei ähnlich wie Kleidung oder andere Umgangsformen als Teil der Bewerbungsetikette verstanden.

Auf der anderen Seite steht die Frage, warum ein alltägliches Getränk überhaupt Einfluss darauf haben sollte, wie kompetent jemand wahrgenommen wird. In der LinkedIn-Diskussion wird darauf hingewiesen, dass Menschen, die traditionelle Business-Codes kennen, zwar leichter als „professionell“ gelesen werden können und das Beherrschen dieser Regeln macht sie aber nicht automatisch besser in ihrem Beruf. Gleichzeitig kann es durchaus sinnvoll sein, die Kultur des Unternehmens zu berücksichtigen. Was in einem jungen Start-up völlig selbstverständlich wirkt, kann in einem sehr konservativen Arbeitsumfeld anders bewertet werden.

Hinzu kommt eine weitere Perspektive. Diese greift Reaktionen auf, die hinter der Debatte auch Gender-Stereotype vermuten. Weil Iced Coffee teilweise besonders mit jungen Frauen assoziiert werde, stelle sich für einige Creator die Frage, ob vermeintlich weiblich konnotierte Dinge schneller als unprofessionell bewertet werden. Auch das ist eine Interpretation innerhalb der Social-Media-Debatte und kein belegter Grund für die ursprüngliche Empfehlung der Recruiterin. Der Kaffeebecher ist deshalb längst nur noch der Aufhänger. Dahinter steckt eine Diskussion über Bewerbungsetikette, Unternehmenskultur und die Frage, wer eigentlich festlegt, was im Berufsleben als professionell gilt.

Bewerbungsetikette: Warum die Gen Z anders denkt

Besonders interessant wird die Diskussion beim Blick auf die Generationen. Während viele Stimmen, insbesondere Millennials, Wehniainens Einschätzung zustimmen, stößt sie bei Teilen der Gen Z auf Unverständnis. Eine der Reaktionen bringt den Konflikt ziemlich deutlich auf den Punkt. Natürlich sei das Bewerbungsgespräch ein Punkt auf der Tagesagenda. Schließlich könne ein Bewerber mehrere Vorstellungsgespräche führen oder davor und danach andere Verpflichtungen haben. Warum sollte ein mitgebrachtes Getränk daran etwas ändern, wie ernst jemand den Termin nimmt? Dahinter steckt ein unterschiedliches Verständnis von Professionalität. Für die eine Seite zeigt sich Wertschätzung für einen Termin auch darin, bestimmte gesellschaftliche und berufliche Konventionen einzuhalten. Für die andere Seite sollten vielmehr Qualifikation, Vorbereitung und tatsächliches Verhalten im Gespräch zählen – und nicht, ob jemand einen Kaffeebecher in der Hand hält.

Blick greift außerdem die Frage auf, wer solche Regeln überhaupt definiert. Creatorin Hali Jama kritisiert demnach, dass die Debatte von größeren Problemen auf dem Arbeitsmarkt ablenke. Statt über ein „Spaßgetränk“ zu diskutieren, müsse stärker darüber gesprochen werden, mit welchen Schwierigkeiten junge Menschen beim Einstieg in die Arbeitswelt konfrontiert sind.

Wehniainen selbst sieht inzwischen ebenfalls einen größeren Konflikt hinter ihrem ursprünglichen Tipp: Bewerber hören aus solchen Regeln schnell die Forderung heraus, perfekt auftreten und ihre Persönlichkeit zurückstellen zu müssen. Arbeitgeber wiederum erwarten Vorbereitung und Respekt für die Situation. Beide Seiten interpretieren dieselbe kleine Handlung dadurch vollkommen unterschiedlich.

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Learning für dein nächstes Bewerbungsgespräch: Coffee-to-go No-Go oder nicht?

Also: Solltest du deinen Iced Coffee zum nächsten Vorstellungsgespräch mitnehmen? Ein allgemeines Verbot gibt es natürlich nicht – und auch die Reaktionen von Recruiter zeigen, dass ein Kaffeebecher sehr unterschiedlich bewertet wird. Während manche ihn als zu casual empfinden, spielt er für andere überhaupt keine Rolle. Teilweise wird ein pünktliches Erscheinen trotz vorherigem Kaffeestopp sogar als Zeichen guten Zeitmanagements interpretiert.

Für deine Bewerbung ist deshalb vor allem eines entscheidend: Du kennst dein Gegenüber vorher nicht. Du weißt nicht, ob die Person auf der anderen Seite den Becher völlig selbstverständlich findet oder ihn als unpassend wahrnimmt. Gleichzeitig bringt dir dein eigener Coffee-to-go im Gespräch kaum einen Vorteil. Wenn dir der Job wichtig ist und du beim ersten Eindruck möglichst wenig dem Zufall überlassen möchtest, ist Wehniainens ursprünglicher Tipp deshalb pragmatisch: Trink deinen Kaffee vorher aus oder gönn dir danach einen neuen. Nicht weil ein Iced Coffee dich unprofessionell macht, sondern weil du damit eine mögliche Ablenkung und einen unnötigen Interpretationsspielraum vermeidest. Das gilt besonders, wenn du dich bei einem Unternehmen mit eher formeller Unternehmenskultur bewirbst. Kennst du das Unternehmen bereits und weißt, dass der Umgang sehr locker ist, kann die Situation wiederum ganz anders aussehen. Das vielleicht wichtigere Learning aus der Debatte richtet sich aber nicht nur an Bewerber. Auch Arbeitgeber sollten sich fragen, welche Kriterien sie im Recruiting tatsächlich bewerten: Geht es gerade um Kompetenz und Eignung für die Stelle oder lediglich darum, wie gut jemand ungeschriebene Business-Regeln beherrscht?