Interview: Gehalt in der Agrarbranche

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agrajo: Ist das deutsche Agribusiness konkurrenzfähig im Vergleich mit anderen Wirtschaftszweigen?

Dr. Schwerdtfeger: Bezogen auf die Verdienstchancen ja und nein. Insbesondere Unternehmen in räumlicher Nähe zu Wirtschaftszentren erkennen den Wettbewerb um gutes Personal und die Notwendigkeit konkurrenzfähiger Gehälter. Von Haus aus fährt die Agrarbranche allerdings eher eine defensive Gehaltsstrategie.

agrajo: Wie bewerten Sie die unterschiedlichen Verdienstchancen innerhalb der Agrarbranche? Die Landtechnik und der Bereich Agrifood profitieren von großen Playern im Markt. Hier finden sich große Konzerne im globalen Geschäft. Die Tierzucht dagegen hat zumeist kleinteiligere Strukturen. Dort finden sie auch Betriebe mit nur 20 Mitarbeitern. In gewisser Hinsicht ist die Einkommens-perspektive schon an die Unternehmensgröße gebunden, wobei kleinere Unternehmen wieder andere Vorteile bieten, wie eine langfristige Mitarbeiterbindung. Außerdem sehe ich hohe Einkommenspotenziale in boomenden Nischen. Ein Beispiel ist der Geflügelbereich: Die rasanten Entwicklungen im Geflügelsektor konnten nicht durch eine ausreichende Menge an ausgebildeten Fachkräften begleitet werden. Entsprechende Defizite machen hier gute Gehälter für Fachkräfte möglich.

agrajo: Welche Vor- und Nachteile ergeben sich für das Personal aus der häufigen Verortung von Unternehmen des Agribusiness in ländlichen Regionen?

Die Standortattraktivität wechselt mit den verschiedenen Lebensepochen. Der Mittzwanziger bevorzugt häufig den Arbeitgeber in Großstadtnähe. Denn die viele kulturellen Optionen und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung stellen für diese Altersgruppe einen hohen Reiz dar. Im Zuge der Familiengründung wendet sich das Blatt allerdings häufig. In ländlichen Regionen sind die Lebenshaltungskosten bis zu 40 Prozent günstiger. Für eine Familie mit Kindern ergibt sich mit 40.000 Euro Jahresgehalt hier oftmals mehr Lebensqualität als mit 50.000 Euro Jahresgehalt in Ballungszentren.

agrajo: Welche Relevanz geben Sie nicht monetären Anreizen insbesondere beim Wettbewerb um junges Personal?

Befragungen zur Arbeitnehmerzufriedenheit zeigen immer wieder, dass der monetäre Verdienst nicht alleine über die Mitarbeiterzufriedenheit entscheidet. Entscheidend sind der gute Ruf eines Unternehmens wie auch das Wohlfühlen am Arbeitsplatz und die Kompatibilität des Berufs mit dem Privatleben. Wer meint, seine Mitarbeiter per GPS überwachen zu müssen, kann diesen schnell bekannten Imageverlust auch durch hohe Gehälter nicht ausgleichen.

agrajo: Ist die Unternehmensgröße in jedem Fall ein relevanter Indikator für die Verdienstchancen? Sollte beim Berufseinstieg immer auf die großen Namen der Branche geschaut werden?

Eine Korrelation zwischen Verdienstmöglichkeiten und Unternehmensgröße besteht durchaus. Aber schauen Sie beispielsweise auf die Unternehmensberatungen. Die großen Namen dieser Branche zahlen den jungen Menschen sehr hohe Gehälter. Fakt ist aber auch: Langfristig sind diese Arbeitsverhältnisse meistens nicht. Zwei, drei Jahre Vollgas und dann? Auch Aktienkonzerne bezahlen gut, aber die Mitarbeiterentwicklung ist häufig ebenfalls schnelllebig.
Der Gegenpol sind inhabergeführte Unternehmen. Sie zahlen moderate Gehälter; dafür ist eine langfristige Mitarbeiterbindung das Ziel. Die Mitarbeiter profitieren weiterhin von mehr Vielseitigkeit und persönlicher Verantwortung, was Agrarier meist schätzen. Die Abläufe sind weniger bürokratisch. Im Endeffekt bleibt die Wahl des Arbeitgebers entsprechend seiner Vor- und Nachteile Geschmackssache.

agrajo: Ist der Verdienst in der Agrarbranche auch Verhandlungssache?

Verdienst ist und bleibt Verhandlungssache. Abzuraten ist allerdings dringend von unfairen Verhaltensweisen. Wer meint, potenzielle Arbeitgeber gegeneinander ausspielen zu müssen mit Gehaltsforderungen und Angeboten, zieht in der Agrarbranche am Ende den Kürzeren. Denn die Branche ist klein und extrem gut vernetzt. Kandidaten mit derartigem Vorgehen sehen schnell die rote Karte von allen Beteiligten. Der schlechte Ruf solcher Bewerber bleibt meistens irreversibel bestehen.

agrajo: Verdienen Frauen und Männer gleichberechtigt im Agribusiness?

Nein. Mit der Übernahme familiärer Verantwortung knicken die Karriereentwicklung und die Gehaltskurve der Frauen ein. Bis ins Hier und Jetzt übernehmen meistens sie die tragende Rolle im Familienalltag. In der modernen Arbeitswelt muss diese Aufteilung aber nicht selbstverständlich fortgesetzt werden. Kleine Unternehmen tun sich mit Frauen besonders schwer. Eventuelle Familienphasen können in diesen Strukturen schlechter kompensiert werden.
In jedem Fall wird weibliches Personal aber vom aufkommenden Fachkräftemangel profitieren. Gut ausgebildete Frauen sind die Ressource unserer Zeit. Die Rahmenbedingungen müssen auch im wertkonserativen Umfeld flexibler und familienfreundlicher werden.

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