Immer auf Achse – Die Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechatroniker


Zusammenfassung


Der Geschichtslehrer unterschätzte Lino anfangs

„Wie bitte? DU willst Landmaschinenmechatronikerin werden? Das würde ich an deiner Stelle lassen. Du bist viel zu klein und zu zierlich“, erinnert sich Jacqueline Prieß noch genau an die Worte ihres Geschichtslehrers in der zehnten Klasse. Er ging sogar noch weiter. Falls sie sich für so eine Stelle bewerben sollte, werde er sie nicht bei der Bewerbung oder der Vorbereitung fürs Vorstellungsgespräch unterstützen.

Die damals Sechzehnjährige wusste schon früh, was sie wollte und was nicht. Für manche mag so ein Kommentar einer Autoritätsperson wie ein Schlag ins Gesicht sein. Nicht so für Lino, wie sich Jacqueline lieber nennt. Für sie war es das letzte Quäntchen, das sie in ihrer Überzeugung noch bestärkte. Ihr war klar: „Wenn ich nur genug daran glaube, kann ich es schaffen!“ Für sie gab es nie einen anderen Weg. Denn sie brennt für Landmaschinen.

Zwei junge Land- und Baumaschinemechatroniker bei der Arbeit am Motor eines Traktors.
Zwei junge Land- und Baumaschinenmechatroniker – Auszubildende bei der Arbeit an einem Traktor-Motor. © LandBauTechnik-Bundesverband

Lino befindet sich im dritten Ausbildungsjahr bei der W. Doormann & Kopplin GmbH & Co. KG, einem Fachhandelsbetrieb für Landmaschinen.

Traktor, Grubber, Pflug und Kreiselegge

Lino macht sich nichts vor. Sie weiß: Land- und Baumaschinenmechatroniker haben es in ihrem Alltag mit schweren Geräten zu tun. Sie reparieren große und kleine Traktoren, Mähdrescher und Häcksler, aber auch Bodenbearbeitungsgeräte wie Pflüge, Grubber und Kreiseleggen oder Pflanzenschutzgeräte.

In Mechanik, Elektrik, Hydraulik und Pneumatik ist alles ein paar Nummern größer als bei normalen Kraftfahrzeugen. Zudem unterscheiden sich Land- und Baumaschinen stark voneinander, weshalb diese Ausbildung eine der wenigen Lehren in Deutschland ist, die 3,5 Jahre dauert.

In der dualen Ausbildung lernt Lino in einem Betrieb und in der Berufsschule. Im Betrieb wartet, prüft, installiert und setzt die angehende Mechatronikerin unter anderem Fahrzeuge, Maschinen, Anlagen und Geräte instand, diagnostiziert Fehler und Störungen in hydraulischen und elektronischen Systemen. Dabei kommuniziert sie situationsgerecht mit den Kunden.

Konkret kann das sein: ein Mähdrescher auf dem Feld bleibt wegen einer Fehlermeldung stehen. Laut dem Informationssystem des Mähdreschers ist der Luftfilter verstopft. Beim Prüfen des Bauteils stellt der Mechatroniker vor Ort aber keine Verunreinigung fest, deshalb vermutet er, der Sensor ist beschädigt und kann diesen ersetzen.

Solche und andere Umstände häufen sich in den Arbeitsspitzen von Landwirten, sprich zur Ernte oder Aussaat. Zu diesen Phasen sammeln Land- und Baumaschinenmechatroniker Überstunden an und müssen Extraschichten fahren, die aber vom Arbeitgeber ausgeglichen werden. 

Schon der Vater hat in der Landwirtschaft gearbeitet

Dass Lino das bereits wusste, hat mit ihrem Vater zu tun: er arbeitet auch in der Landwirtschaft. Daheim hatten sie außerdem zwei kleine Oldtimer, an denen sie schon als Kind eifrig herumgebastelt hat. Die Landwirtschaft allein reichte ihr aber nicht, sie wollte lieber schrauben und tüfteln, etwas Handwerkliches machen. So kam sie auf den Beruf Land- und Baumaschinenmechatroniker. Schon als Kind sagte sie immer zu ihren Eltern: „Ich möchte niemals in einem Büro arbeiten!“


Doch beim Beruf des Land- und Baumaschinenmechatronikers dreht es sich heutzutage nicht nur um „schmutzige“ Arbeiten wie Keilriemen- oder Ölwechsel. Denn auch die Mechatroniker in der Werkstatt verbringen einen Großteil ihrer Arbeit am Laptop. Sie lesen Fehler in der Technik der Landmaschinen aus. Erscheint also ein Fehlercode, ermitteln die Mechatroniker die Ursache und beheben den Fehler – mittels Software oder Handbüchern.

So ist das auch bei Lino in der Werkstatt: Bevor es ans Eigentliche geht, das Schrauben und Arbeiten an den Maschinen, wird erst einmal der Laptop an die Maschine angeschlossen und die Fehler ausgelesen. Viele der Handbücher sind bereits digitalisiert, jede Maschine hat einen Ersatzteilkatalog mit mehreren „Explosions-Zeichnungen“, auf denen die Teile mit Nummern abgebildet sind. Diese Nummer gibt Lino im System ein und weiß so, ob das Ersatzteil vorrätig ist oder ob sie es bestellen muss.

Ausbildung bei traditionellem Fachbetrieb für Landmaschinen

Das Unternehmen, bei dem Lino bereits seit zwei Jahren arbeitet, wurde 1919 gegründet und hat sich ständig vergrößert, heute arbeiten rund 100 Mitarbeiter an drei verschiedenen Standorten in Schleswig-Holstein. Mit Lino lernen 3 andere junge Frauen diesen Beruf beim Unternehmen, ansonsten arbeiten in der Werkstatt 21 Männer. Sie wurde nach ihrem Bewerbungsgespräch, insgesamt drei Praktika und einem Eignungsfeststellungstest sehr gut ins Team aufgenommen. Am liebsten arbeitet sie mit ihrem Altgesellen zusammen.

„Doch auch sonst fühle ich mich sehr wohl im Team. Wenn man mal nicht weiterkommt oder es doch an Kraft mangelt, ist immer jemand da, der einem hilft“, sagt sie. Während ihrer Ausbildung durchläuft sie viele Bereiche im Unternehmen, von der Reifenmontage über Schweißarbeiten, Wartung und Pflege von Traktoren, Reparaturen an Bodenbearbeitungsgeräten, Erntemaschinen und Pflanzenschutzspritzen bis hin zur Arbeit mit dem Laptop an den Maschinen.


Die ständig wechselnden Arbeiten sind es, die Lino am meisten Freude am Beruf bereiten. Besonders die Elektrik von Traktoren, Häckslern und Pflanzenschutzspritzen hat es ihr angetan. Die Zusammenarbeit mit den Kunden macht ihr Spaß und es erfüllt sie, wenn eine Maschine schnell wieder läuft und der Kunde zufrieden ist.

Auch in ihrer Freizeit ist Lino immer auf Achse: sie fotografiert Landmaschinen, arbeitet ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr, hilft Bekannten bei der Arbeit auf dem Hof und hat außerdem ein eigenes Pferd.

Ausbildung geschafft – und dann?

Nach bestandener Ausbildung zur Land- und Baumaschinenmechatronikerin kann sich Lino auf vielen Wegen weiterbilden. Neben dem Meisterbrief können die Gesellen auch den sogenannten geprüften Servicetechniker machen. Meister führen meist einen Betrieb, bilden Nachwuchs aus und übernehmen kaufmännische Aufgaben. Wem das zu viel Büroarbeit ist und wer sich lieber weiter in Richtung Technik spezialisieren möchte, bietet sich die Weiterbildung zum Servicetechniker an.

Servicetechniker sind Ansprechpartner für Kunden und Kollegen in allen technischen Angelegenheiten und unterstützen mit ihrem Know-How die Meister im Betrieb. Durch regelmäßige Schulungen bleiben sie außerdem stets auf dem aktuellen Stand was Innovationen im Bereich der Landmaschinen angeht. Servicetechniker bekommen zudem Prüfungsleistungen aus der Weiterbildung voll bei der Prüfung zum Meister angerechnet. Technik-Freaks kommen mit dieser Karriereoption also voll auf ihre Kosten.

Ob das was für Lino ist?  „Das weiß ich noch nicht so genau. Eins nach dem anderen. Erstmal möchte ich die Ausbildung schaffen und dann ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln“, sagt sie. Eins ist sicher: Lino geht ihren Weg, egal was andere denken.


Autorin: Maya Rychlik